Sexualität - ein Modell

Modell der Sexualität
Bild: Claudia E. Huber

Ich spreche immer wieder von der erotischen Sexualität. Und da ich mich viel mit der erotischen Intelligenz auseinandersetze und damit arbeite, hatte ich das Bedürfnis, ein Modell zur Verständigung zu entwickeln.

 

Zu häufig wird Sexualität mit Erotik gleich gesetzt. Was Erotik jedoch bedeutet, ist für den Sprecher unklar, für die Zuhörerin demzufolge auch. Während der Entwicklungsphase der Workshops zur Erotischen Intelligenz stolperten auch Daniel und ich immer wieder über den Begriff der Erotik und der Sexualität. Deshalb war es mir ein wichtiges Anliegen, diese Begriffe zu differenzieren.

Ein Modell zur Orientierung

Das Modell, das ich in Folge erklären möchte, basiert auf keiner wissenschaftlichen Studie. Es ist auch nicht als endgültige Wahrheit zu begreifen. Es entstammt meiner Erfahrung als Sex-Coach und meiner Wahrnehmung der Felder im sexuellen Kontext.

 

Daher möchte ich es auch als Orientierungshilfe zum kommunikativen und begrifflichen Verständnis sehen. Nicht als das nächste Dogma, dem irgendjemand unreflektiert hinterherrennt.

Das Modell des sexuellen Feldes

Dieser Artikel befasst sich mit der vereinfachten Form des Modells, denn das reicht aus, um sich verständigen zu können. Es hat jedoch noch eine dritte Dimension, die hier nicht besprochen wird.

 

In meinem heutigen Verständnis ist das sexuelle Feld ein rundes. Der Kreis ist in vier Felder aufgeteilt, die jeweils einen Bereich der menschlichen Sexualität abbilden. Nicht jedes Feld ist von jedem Menschen gleichermaßen erforscht und belebt. Das hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Beispielsweise von Zugang, Neugier, Belesenheit, Forschungswille und vielen Dingen mehr.

Die vier Hauptfelder der Sexualität

Zum jetzigen Zeitpunkt postuliere ich vier Hauptfelder der Sexualität, die jedoch nicht trennscharf voneinander abgrenzbar sind. Schließlich sind sie alle Teil des menschlichen sexuellen Repertoirs und können somit auch niemals völlig unabhängig voneinander sein. Der Mensch und seine Sexualität ist eine Einheit.

 

1. Feld: Biologische Sexualität

Das erste Feld nenne ich die biologische Sexualität. Sie beinhaltet den Instinkt, der uns dazu bringt, sexuell aktiv zu sein. Dazu gehören Grundbewegungen der Fortpflanzung und Kopulation.

 

Ich distanziere mich vom Begriff des "Triebs", denn dieser ist bereits wissenschaftlich widerlegt, wenn es um die menschliche Sexualität geht. Zumindest in der Ausprägung, in der es darum geht, dass der Mensch ein dem Trieb ausgeliefertes Subjekt ist. 

 

Dieser Bereich der Sexualität beinhaltet jedoch eine durchaus körperliche, instinkthafte Motivation. Pheromone, Hormonstatus, Kopulationsbewegungen und der Gleichen sind hier verortet.

 

In meiner Beobachtung spielt diese Form der Sexualität in unserem menschlichen Sein eine sehr untergeordnete Rolle. Die biochemischen Prozesse sind jedoch nicht außer Acht zu lassen, weil sie auch die Partnerwahl durchaus mitsteuern und auch die Bereitschaft zum Sex und die Libido beeinflussen.

2. Feld: Erotische Sexualität

Das zweite Feld, das sich dem ersten Feld anschließt und das auch mehr oder weniger deutliche Überschneidungen mit dem ersten Feld haben kann, ist das breite Feld der erotischen Sexualität.

 

Dieses Feld hat für uns in der aktuellen Gesellschaftsform eine große Bedeutung. Erotische Geschichten, Pornos, erotische Fantasien, Partnerwahl, One Night Stands, Fetische, sexuelle Vorlieben und einen großen Teil der gelebten Sexualität finden in diesem Feld der Sexualität statt.

 

Neben den körperlichen Attraktionen und der Biochemie der Sexualität kommt in diesem Feld der große Komplex der Psyche hinzu. Wie wir uns erotisch entwickeln, hat viel mit den Erlebnissen und den psychischen Dynamiken in uns zu tun. Erotik kann enorm kicken. Leidenschaft ist ein Kind dieses Feldes. Auch der Bereich der erotischen Intelligenz findet in diesem Feld ihren Platz.

 

Die meisten Menschen wünschen sich durch dieses Feld sexuelle Erfüllung, auch wenn nicht jedes sexuelle Bedürfnis über dieses Feld erfüllt werden kann.

3. Feld: Spirituelle und wachstumsorientierte Sexualität

Das dritte Feld der Sexualität überschneidet sich ebenfalls mit dem zweiten, sowie das erste mit dem zweiten. In diesem Feld geht es um persönliches, sexuelles Wachstum. Wachstumsbedürfnisse und Bedürfnisse nach aufrichtiger Nähe, Verbundenheit, Frieden, sexuellem Einssein und spirituell-sexuellen Erfahrungen finden in diesem Bereich ihren Platz.

 

Dabei geht es nicht um die, nach Maslowscher Definition, defizitären Bedürfnisse der Sexualität, sondern um die Wachstumsbedürfnisse. Diese sind sowohl psychischen, als auch spirituellen Ursprungs. Viele Praktiken, die der Achtsamkeit und Präsenz dienen, werden in diesem Bereich der Sexualität angewandt. Auch partnerschaftliche Bedürfnisse, die Nähe erzeugen, sind zum Teil in diesem Feld angesiedelt,  zum Teil im zweiten Feld.

 

Um ein Beispiel zu bringen, könnte man die Praktik des SlowSex mit diesem Feld in Verbindung bringen. 

4. Feld: die körperorientierte Sexualität

Das vierte Feld der Sexualität bildet die körperorientierte Sexualität. Sie überschneidet sich mit dem dritten Feld in der Achtsamkeit und Präsenz. Allerdings ist hier der Fokus auf den Körper gerichtet. Die Motivation sind keine emotionalen Gefühle oder Bedürfnisse. Ebenso wenig sind partnerschaftliche oder spirituelle Bedürfnisse Motivation für diese Form der Sexualität.

 

In diesem Bereich der Sexualität geht es um den Körper und darum, über den Körper Lust und auch Ekstase zu erleben. Dabei wird auf erotische Fantasien gezielt verzichtet. Maßgeblich ist das Erleben der körperlichen Empfindungen. Atem, Bewegung, Muskelspannung und Berührung sind Mittel des Lustgewinns. Die tagesaktuelle Empfindung im Körper leitet die Entdeckungsreise. Das körperliche Wahrnehmen ist im Mittelpunkt und dient dem Forschen, dem Entdecken und der Öffnung eines sexuellen Zugangs jenseits von gelernten mentalen oder psychischen Triggern und Mustern.

 

In diesem Feld kann körperlich-sexuelles Lernen gezielt stattfinden und lässt sich demnach begleiten. Sexological Bodywork ist eine Methode, diesen Zugang zu erschließen.

Sonstiges zum Modell

Dieses Modell ist noch nicht fertig entwickelt. In der Aufteilung der Felder liegt keine Wertung. Jedes Feld hat seine Berechtigung und muss nicht aufgelöst oder verändert werden. Es soll zeigen, welche Möglichkeiten und unterschiedlichen Facetten das Themenfeld der Sexualität beinhaltet. Und es hilft bei der Einordnung von sexuellen Dienstleistungen, Sexualcoaching, -beratung und -therapie. 

 

Es dient der Bewusstmachung unterschiedlicher Sicht- und Zugangsweisen zu diesem enorm großen Feld. Denn es ist wichtig zu wissen, worüber man sich unterhält. Sonst spricht man aneinander vorbei.

 

Alles Liebe!

Claudia

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