Sexueller Missbrauch - weitreichende Auswirkungen

Hoffnung
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Sexueller Missbrauch hat weitreichende Auswirkungen auf die, die das erfahren mussten. Das scheint vielen völlig klar zu sein. Doch wie umfangreich diese Erfahrungen sind, ist den meisten Menschen erst bewusst, wenn sie sich damit auseinandersetzen oder damit bewusst konfrontiert sind.

 

Wichtig ist, dass sexueller Missbrauch kein lebenslanges Martyrium bedeuten muss, wenn man weiß, dass es einen Weg aus den Folgen heraus gib. Er benötigt Mut und Kraft, doch es lohnt sich.

 

In diesem Artikel gehe ich auf die Überkategorien der Auswirkungen sexuellen Missbrauchs ein. Mir ist dieser Beitrag wichtig, denn was für diese heftige Form der sexuellen Blockierung und Gewalt gilt, gilt auch in Abschwächung für alle anderen Formen der sexuellen Verunglimpfung und Übergriffigkeiten. 

 

Lies den Artikel, wenn du ihn liest, bitte bis zum Schluss, denn ich möchte dich nicht in einem dunklen Gefühl in den Tag gehen lassen.

Sexueller Missbrauch - was ist das?

Nur, damit wir das gleiche Verständnis davon haben, was sexueller Missbrauch ist:

 

Sexueller Missbrauch liegt immer dann vor, wenn eine Person eine andere durch sexuelle Aktivitäten oder sexuelle Beeinflussung ausnutzt und dominiert. Meist beinhaltet Missbrauch direkte Berührungen, kann aber auch ohne Berührungen stattfinden. Das kann zum Beispiel dann der Fall sein, wenn man am Telefon sexuell belästigt wird, gezwungen wird, für pornographische Fotos zu posieren oder gegen seinen Willen sexuellen Handlungen zusehen muss.

 

Diese Definition entspricht nicht unbedingt der rechtlichen Grundlage. Ich argumentiere auf dem psychologischen Erleben und der daraus resultierenden Folgen.

Habe ich sexuellen Missbrauch erfahren?

Viele Menschen sind sich nicht sicher, ob ihr Erleben wirklich sexueller Missbrauch war oder nicht. Wenn es nicht direkt zu gewaltvollen Handlungen kam, die klar in die Kategorie "Vergewaltigung" zählen, fällt es den Betroffenen häufig schwer, das Erlebte einzusortieren.

 

Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Situation verwirrend war. Zum Beispiel, weil der/die TäterIn es für etwas anderes ausgab. "War doch nur Spaß" oder "Ich tu das, weil ich dich liebe."

Oder weil sich diese missbräuchliche Konstellation über einen längeren Zeitraum hin entwickelte.

 

Es kommt aber auch vor, dass der Missbrauch durch Rollenerwartungen verschleiert wird. Zum Beispiel, weil man als Mädchen zur Höflichkeit erzogen wird und dadurch die Küsse auf den Mund vom Onkel oder der Oma zu erdulden hat. 

Verschleierungen

Manchmal fällt es den Betroffenen auch schwer, weil sie die Situation nicht richtig einschätzen konnten und deshalb Entschuldigungen suchen, in der Hoffnung, dass sie dadurch ihre damals erlebte Ohnmacht nicht spüren müssen. Häufige Verschleierungen sind solche Sätze:

  • Es hat mir ja gefallen.
  • Ich habe doch körperlich reagiert.
  • Es war doch nicht so schlimm.
  • Ich war ja selbst Schuld (das ist es im Übrigen NIEMALS)
  • Es war nicht so schlimm wie bei anderen.

Auswirkungen sexuellen Missbrauchs

Ich zähle im Folgenden nur auf, welche Auswirkungen sexueller Missbrauch haben kann. Wichtig ist zu erwähnen, dass sexueller Missbrauch meist tiefgreifende Auswirkungen auf alle Lebensbereiche hat - auf die Lebenseinstellung, auf das Selbstbild, auf die Sexualität und auf alle Beziehungen. Die Auswirkungen sind manchmal nicht so direkt zu erkennen und können auch erst Monate und Jahre nach dem Missbrauch auftreten.

 

Auswirkungen können sein:

  • Lustlosigkeit
  • überhöhter Sexdrive
  • zwanghafte Suche nach Sex
  • "Ich brauch keinen Sex" oder "Ich habe halt viel Spaß dran"
  • zwanghafte Mastrubation
  • Sex ist eine Pflicht
  • Sex ist etwas Schlechtes/Schmutziges/Unkontrollierbares
  • Männer haben mehr davon als Frauen
  • Ich hasse meinen Körper;
  • ich fühle mich als Opfer oder als Objekt;
  • ich bin sexuell abnormal;
  • mein Geschlecht macht mich minderwertig)
  • Nicht nein sagen können
  • Angst vor sexuellen Situationen
  • Rückblenden
  • unerwünschte Fantasien
  • Sex macht mich nervös
  • Negative Gefühle bei sexuellen Berührungen
  • ungesunde sexuelle Wünsche
  • Emotionale Distanz beim Sex
  • Man fühlt Teile des Körpers nicht oder spontan nicht mehr
  • Nicht wissen, wann oder wie man Sex will
  • Ungeschützter Geschlechtsverkehr
  • Nutzung missbrauchsverherrlichender Pornos
  • Auch die Partnerwahl kann davon betroffen sein
  • zwanghafte Untreue
  • Schwierigkeiten, erregt zu werden
  • Schwierigkeiten, sexuelle Empfindungen zu spüren
  • Vermeidung, den Intimbereich zu berühren
  • Orgasmusschwierigkeiten (alleine oder mit Partner)
  • wenig lustvolle Orgasmen
  • Vaginismus
  • Erektionsprobleme
  • Ejakulationsprobleme

Unbedachte Auswirkungen

Diese Auswirkungen können wir häufig gut nachvollziehen. Es gibt jedoch Auswirkungen, die wir nicht direkt sehen oder verstehen.

 

Anhand der oben aufgezählten Liste, lässt sich erahnen, dass es jedoch noch viel mehr Bereiche gibt, in denen es zu Schwierigkeiten kommen kann. Denn die sexuelle Identität ist ein zentraler Teil unserer Persönlichkeit.

 

Beispielsweise kann die sexuelle Orientierung beeinflusst werden, die Partnerwahl und das sexuelle Verhalten in der Beziehung.

 

Doch es kann noch weiter reichen: Es kann Auswirkungen auf das berufliche Leben haben, wenn man durch einen Kollegen oder eine Kollegin an einen Täter oder eine Täterin erinnert wird. In der Situation handeln wir nicht mehr so selbstsicher wie sonst.

 

Außerdem können gesundheitliche Probleme wie Depression, Diätenwahn (Essstörungen), Angststörungen, Bluthochdruck, Sehstörungen, Schmerzen und vieles mehr dabei entstehen.

 

Als Partner einer Person, die Missbrauch erlebt hat, können Verhaltens- und Denkweisen auftreten, die sich anfühlen, als wäre man auch von sexuellem Missbrauch betroffen. Dieses Phänomen nennt man indirekte oder sekundäre Traumatisierung. Damit ist keineswegs zu spaßen.

Ich hab Symptome, aber keine Erinnerung

Die Liste, die ich aufgestellt habe, beschreibt mögliche Auswirkungen auf sexuelle Gewalt. Nicht jeder oder jede, der oder die diese Symptome aufweist, hat sexuelle Gewalt erfahren. 

 

Die Symptome entstehen auch durch Erziehung, in lustfeindlichen Glaubenssystemen, durch unbewussten Medien- und/oder Pornokonsum und durch über lange Zeit andauernde Unsicherheit bezüglich der eigenen sexuellen Persönlichkeit.

 

Wie ich eben geschrieben habe, können auch Partner durch das Zusammensein mit Betroffenen selbst Symptome zeigen. Das ist nicht nur bei Partnern so. Wenn die Mutter oder der Vater sexuellen Missbrauch erlitt, kann das eine Ursache für sexuelle Traumatisierung beim Kind sein.

Generell können sexuelle Schwierigkeiten von Eltern sich auf Kinder übertragen. Nicht durch Viren oder Bakterien, sondern weil sie Verhaltensmuster beobachten und die Botschaften ihrer Eltern empathisch wahrnehmen.

Das Gute kommt zum Schluss

Dieser Artikel macht keinen Spaß. Ich beschreibe das alles, weil ich bereits viele Facetten der Auswirkungen mitbekommen habe und weiß, wie viel psychische Kraft in das Kontrollieren sexueller Probleme hineinfließt.

 

Selbst wenn man nicht direkt von sexuellem Missbrauch betroffen ist, tut es gut, sich mit der sexuellen Selbst-Werdung zu beschäftigen, damit diese psychische Kraft in Projekte oder Lebensvorgänge investiert werden kann, die konstruktiv wirken.

 

Sexuelle Blockaden, in welchem Ausmaß auch immer, verhindern, dass wir saft- und kraftvoll, lebensfroh und mutig unser Leben leben.

 

Das Grandiose ist, dass es einen Weg der Heilung und des In-Einklang-Kommens gibt. Der kann länger dauern und auch mal nicht so schön sein, doch das, was danach kommt, lohnt sich zu erarbeiten.

 

In diesem Sinne wünsche ich allen von Herzen Mut zur Selbsterkenntnis,

Claudia