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Frisch in Führung - wohin mit meinen Unsicherheiten

Austausch mit Gleichgesinnten
Photo by Standsome Worklifestyle on Unsplash

Wer relativ frisch in eine Führungsposition kommt, steht oft innerlich unter Druck, alles richtig zu machen. Meistens hast du auch viele Ideen, was du umsetzen oder verändern magst. Doch mit der neuen Position, tauchen neue Probleme auf, die man davor nicht gesehen oder nicht einberechnet hat.

 

Ein Problem davon ist: "Mit wem spreche ich jetzt über die ganzen Dinge, die mich beschäftigen?"


Die kleinen Unsicherheiten

Zunächst möchte ich einige dieser kleinen, fiesen Unsicherheiten nennen. Denn für fachliche Fragen oder zum Teil auch bei Führungstool sind die meisten Unternehmen gut aufgestellt. Oft findet man auch viele Angebote dazu im Internet. Es gibt jedoch andere Unsicherheiten, die vor allem bei Frauen in der ersten Führungsposition auftreten. 

  • Wenn du Ungenauigkeiten in der Arbeit deiner Mitarbeitenden schon als Kollegin kennst, kann das nun als Führungskraft zu einem Rollenkonflikt führen: Spreche ich Kim nun auf ihre Angewohnheit an, dass sie ihre Pausen prinzipiell nicht einträgt und gerne beim Kaffee holen 10 Minuten länger quatscht oder lasse ich es laufen, bis wir ein Problem bekommen?
  • Seit du die neue Stelle hast, merkst du, dass sich Tina nicht mehr mit dir in die Mittagspause geht, obwohl ihr das früher immer gemacht habt.
  • Auch wenn du deinen Tag strukturierst, sitzt du mehr als die Hälfte der Woche viel länger am Schreibtisch als du es wolltest. Dein Partner fragt dich schon, wann du dich endlich eingewöhnt hast.
  • Zu Hause bleiben so viele Sachen liegen und während du dich bemühst, es nach deinem anstrengenden Arbeitstag noch zu erledigen, beschwert sich dein Partner, dass ihr keinen Sex mehr habt.
  • Im Führungsmeeting kommen deine Ideen immer noch nicht an.
  • Auf einmal stehst du zwischen deinem Chef oder deiner Chefin und deinen Mitarbeitenden und fragst dich, wie du die Anforderungen an dich gut jonglierst.
  • Deine Mutter fragt dich, ob du neben dem Job auch mal darüber nachgedacht hast, wie du es machst, wenn du Kinder bekommst.

Natürlich gibt es da viel mehr dieser kleinen Fragen und Unsicherheiten. Du wirst wahrscheinlich deine eigenen Fragen haben. Doch wahrscheinlich hast du mit diesen Fragen im Vorfeld nicht gerechnet. Oder vielleicht doch, hast jedoch nicht damit gerechnet, wie du darauf reagierst.

 

Was verändert sich in deinem Supporternetz?

Bis vor gar nicht allzu langer Zeit hast du dich einfach mit Freundinnen, deinen Kolleginnen und Kollegen, deinem Partner oder deiner Partnerin bzw. mit anderen Vertrauten gesprochen. Es spricht also viel dafür, dass du weiterhin mit deinen Vertrauten über das sprichst, was dich beschäftigt. Manchmal ist es jedoch so, dass das gewachsene soziales Netz  um dich, deine Probleme vorübergehend oder auch dauerhaft nicht mehr versteht. Vor allem, wenn du die erste oder einer der wenigen mit Führungsverantwortung bist. 

 

Was viele Frauen in Führung auf einmal bemerken:

  • Die Kolleginnen und Kollegen aus deiner Abteilung sind jetzt nicht mehr die Freunde auf Augenhöhe.
    Gerade dann, wenn du innerhalb der Abteilung aufsteigst oder auch dann, wenn die ehemaligen Kollegen in der direkten Belegschaft bleiben, leiden darunter diese Freundschaften oft. Die Menschen haben sich nicht verändert. Deine Arbeitsrealität ist nun eine andere als die deiner Kolleginnen und Kollegen.
  • Freundinnen und Freunde können vorübergehend neidisch reagieren. Manche Menschen haben auch Vorurteile gegenüber Führungskräften. 
  • Ehemalige Fördernde in deinem Unternehmen reagieren nach der Beförderung abweisend, neidisch oder wenig hilfreich. 
  • Oft erleben neue Führungskräfte das Gefühl, nun auf dem Prüfstand zu stehen und von Entscheidern in der Personalabteilung oder in den oberen Führungsebenen genauer beobachtet zu werden. 
  • Partner und Partnerinnen sagen, sie unterstützen, tun es jedoch nicht so, wie man es erwartet oder reagieren mit Unverständnis auf deine Probleme.
  • Versteckte Vorwürfe vom nahen Umfeld in Bezug auf private Entscheidungen. Zum Beispiel werden sie häufiger darauf angesprochen, wie sie die Kinderplanung handhaben wollen oder was denn der/die Partner/in sagt, wenn deine Gedanken "nur noch" um die Arbeit kreisen.
  • Manchmal wird sogar die Entscheidung für die Führungsposition in Frage gestellt: "Hast du dir das gut überlegt?" "Kannst du das?" "Bist du dir sicher, dass du dafür geeignet bist?"

Meistens versteht man erst viel später, was in den Situationen geschieht. Denn neben den ganzen verbalen Signalen, bekommst du über die Zwischentöne andere Signale mit. 

Das führt oft dazu, dass du dich alleine fühlst mit deinen ganzen Fragen. Im schlimmsten Fall verunsichert dich dein Umfeld mehr als dass es dir gibt. Oder es schickt dir so viele gemischte Signale, dass alleine das Aussortieren unfassbar viel Energie raubt.

 

Sich neue Supporternetze aufbauen

Was kannst du tun, wenn du dich in Teilen oder sogar ganz in diesen Situationen wiederfindest?

 

Als erstes: Tief durchatmen. 

Diese Phase der ersten Zeit wird irgendwann vorbei sein. Freundschaften werden sich wieder einrenken und du wirst dich in die neuen Regeln irgendwann reingefuchst haben.

 

Du kannst schauen, welche Menschen dir aktuell immer noch gut tun. Wer unterstützt dich wirklich und wer versucht dich zu verstehen, ohne dich in deiner Führungsposition zu verunsichern? Folgende Menschen können sehr hilfreich sein:

  • Freundinnen und Freunde mit ähnlicher Führungsverantwortung sind gute Ansprechpartnerinnen und -partner. Sie kennen deine Situation und können zumindest ihre Form des Umgangs schildern. Das kann dir schon viel Erleichterung bringen. 
  • In manchen Unternehmen gibt es gute Fördernetzwerke für junge Führungskräfte. Manche Unternehmen haben  Mentoringprogramme. Da kannst du prinzipiell immer mit deinen neuen Fragen hin.
  • Vielleicht hast du einen guten Draht zu deiner Vorgesetzten oder deinem Vorgesetzten. Dann kannst du auch sie oder ihn um ein Gespräch bitten.
  • Für manche Fragen kann auch der Betriebsrat eine gute Anlaufstelle sein.
  • In jeder größeren Stadt und auch online gibt es berufliche Netzwerke. Gleichgesinnte oder Menschen, die bereits deine Lage durchgemacht haben. Diese haben zum Teil auch Mentoringprogramme.
  • Coaches oder Psychologinnen und Psychologen können ebenfalls eine Hilfestellung bieten. Vor allem dann, wenn du nicht unbedingt eine bestimmte Frage hast, sondern es um Selbstsicherheitsfragen geht oder wenn du für dich Klarheit suchst.

Vielleicht hast du noch jemanden, an den oder die du noch nicht gedacht hast. Kommilitonen oder Kommilitoninnen, die du nach dem Studium aus den Augen verloren hast und jetzt an einem ähnlichen Punkt stehen. 

 

Sinnvoll ist es, zunächst das Netzwerk zu aktivieren, das du schon hast. Das ist meist der kürzere Weg. Das eigene Netzwerk darüber hinaus zu erweitern, ist jedoch auf Dauer Gold wert.

 

Selbst wenn dir jemand nicht helfen konnte, bleib am Ball. Denn ein gutes Netzwerk ist für ein entspanntes Leben als Führungskraft unerlässlich. Vor allem macht es damit viel mehr Spaß und erleichtert so einiges.