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Vertrauen ist alles?!?

Vertrauen
Bild: by cocoparisienne auf Pixabay

"Ich vertraue dir wirklich."

"Ich kann anderen nicht vertrauen."

"Du musst nur vertrauen."

"Die Grundlage einer guten Beziehung ist Vertrauen."

Ich könnte mit der Auflistung beliebig fortfahren. Gerne würde ich mich künstlich darüber aufregen oder ein neues Bullshit-Bingo-Blatt dazu entwerfen. Doch so einfach ist es nicht, wenn mir diese Sätze entgegen prasseln - egal, ob es nun privat oder beruflich ist. 

 

Eins vornweg: Mit diesem Artikel möchte ich eine andere Sichtweise auf dieses "Vertrauen" anbieten. Es ist wahrscheinlich ebenso wenig richtig oder falsch wie alle anderen Sichtweisen auf dieses sehr bedeutungsschwangere Wort es vermuten lässt.

Was versteckt sich hinter den Worten?

Vertrauen ist ein komplexes Phänomen, das unterschiedliche Wissenschaften unterschiedlich bewerten. Wikipedia ist da eine sehr nette Ergänzung zu diesem Thema. 

 

Mir begegnet das Phänomen des Vertrauens immer wieder in Prozessen mit meinen Klienten. Entweder, wenn ein Partner dem anderen das sagt oder wenn Klienten mir an den Kopf werfen, dass sie mir vertrauen. Soweit so entspannt. Denn damit lassen sich einige unbequeme Diskussionen umgehen. Und manchmal ist es ein Zeichen, dass sich meine Klienten immer noch schätzen.

 

Und dann beobachte ich häufig auch ein ganz anderes Phänomen, das mit diesen Worten betraut ist: Eine subtile Abgabe der eigenen Verantwortlichkeit für Handlungen und Gefühle.

Ich lege dir meinen Schatz zu Füßen

Ich möchte auf das letztere Phänomen eingehen. Denn damit habe ich es häufiger zu tun. Folgende Situation hat sich so und so ähnlich zig-mal vor meinen Augen abgespielt:

 

Simon: "Ich bin häufig unterwegs und MIR passiert es nie, dass ich mich mit einer Arbeitskollegin so viel Zeit verbringe wie DU mit Uwe. Willst du mir erzählen, dass das NORMAL ist und da nichts läuft?"

 

Nora: "Jaha, es läuft nichts. Wir verstehen uns einfach gut. Und er schickt mir halt ab und an mal ein Meme. Mehr nicht."

 

Simon: "Ist ja gut. Ich mein es nicht so. Weißt du, ich vertrau dir wirklich." 

 

Er schaut sie intensiv an. Sie lächelt. 

 

Szene beendet.

Vertrauen oder Erpressung

EIGENTLICH wäre ja alles gut. ABER solche Dialoge lassen mich hellhörig werden. Denn über die Jahre hat sich in mir ein Alarmsystem eingerichtet, wenn es zu diesen Unterhaltungen kommt. Wörtlich sagt Simon:

 

"Ich persönlich bin von deiner Aufrichtigkeit mir gegenüber überzeugt..."

 

und im unausgesprochenen Nebensatz schwingt bei ihm immer wieder mit:

 

"... aber wehe, du machst nicht, was ich denke, dann bist DU verantwortlich für MEINE Enttäuschung."

 

Simon nutzt diesen Satz immer wieder, um Nora in ihrem Verhalten zu kontrollieren. Schließlich will sie nicht, dass er traurig oder wütend wird. Und sie will schon gar nicht die Ursache dafür sein. Denn schließlich ist sie ja dann selbst Schuld, wenn der Haussegen schief steht.

Nicht jede Vertrauensbekundung ist Erpressung

Selbstverständlich ist nicht jede Vertrauensbekundung eine Erpressung. Denn sie kann auch eine Rückversicherung an den anderen zu sein, dass man seinen oder ihren Worten Glauben schenkt oder von der Aufrichtigkeit überzeugt ist. 

 

Wenn es eine verstecke Nachricht gibt, stellt es sich in meiner Beobachtung jedoch häufig so dar:

 

Ich - der Vertrauensbekunder - schenke dir mein Vertrauen. Es ist eine hauchdünne, zerbrechliche Glaskugel. Bitte bewahr sie für mich auf. Diese Glaskugel ist im Übrigen aber auch meine Liebe zu dir. Ich hab jetzt, da ich dir meine Glaskugel gegeben hab, nichts mehr damit zu tun. Aber WEHE, du machst sie kaputt, dann wird zwischen uns alles kaputt sein.

 

Wirklich schräg wird es dann, wenn die beiden Parteien nicht darüber sprechen, was dieses Vertrauen beinhaltet. Das ist ähnlich schwammig wie die oft genannte Treue.

 

  • Doch worauf vertraue ich? 
  • Welche Vertrauensinhalte sind gemeint? 
  • Worauf haben wir uns geeinigt?

 

 

Fehler

Wenn wir uns nicht einigen, was Gegenstand des Vertrauens ist, dann kann man Vertrauen leicht enttäuschen. Denn wir sind Menschen und machen Fehler. 

 

Wie gehen wir mit Fehlern um? Und was bedeutet es für das Konzept von Vertrauen?

 

In meinem Bild der Glaskugel gibt man das, was zwischen mir und dem anderen passiert, aus der Hand. Demnach entsteht wohl ein Gefühl der Geborgenheit, wenn alles gut läuft. Es entsteht aber auch ein Gefühl der Hilflosigkeit oder maßlosen Enttäuschung, wenn Fehler passieren. Oft kommen die Gefühle gepaart mit Schuldzuweisungen und ein Bedürfnis nach Machtausübung in Form von Kontrolle.

 

Alternativperspektive

Nun, wie könnte man Vertrauen noch betrachten?

 

Da wir nie im Leben alles kontrollieren können, was uns betrifft, brauchen wir ein rückgekoppeltes System, das uns beruhigt. Meistens ist es das Vertrauenskonzept, das ich so fragil und in zwischenmenschlichen Beziehungen oft als nicht funktional empfinde.

 

Wie wäre es, wenn das Vertrauen nicht dem anderen gegeben wird, sondern bei uns selbst bleibt? Wie wäre es, wenn wir offen und in den positivsten oder realistischsten Annahmen mit anderen in Kontakt kommen, wie es für uns möglich ist und das Vertrauen bei uns parken, um in Situationen, in denen anderen unsere Annahmen und Abmachungen verletzen, situativ entscheiden können, wie wir damit umgehen?

 

Der Vorteil wäre, dass dann nicht die gesamte Beziehung im Argen ist. Es wäre auch vorteilhaft, weil man sich von subtilen Erpressungen und Kontrollversuchen distanzieren kann - vielleicht nicht immer, aber besser als in der Situation, wenn wir dem anderen unser Wohlgefühl in Form von Vertrauen aufbürden.

 

Und es gibt eine entspanntere Grundeinstellung und Offenheit über die Voraussetzungen unserer Begegnungen zu reden. Und auch darüber, wie wir mit Fehlern umgehen können. Denn mit einem erpressenden Vertrauen dürfen Fehler nicht geschehen. Schließlich wäre dann alles komplett kaputt. Vielleicht bedeutet dann Vertrauen, Offenheit für das, was kommt?

 

Das Rückkopplungssystem wären wir selbst und unser Vertrauen in die Tatsache, dass wir mit allen Situationen umgehen können. Wir würden die Macht und die Machbarkeit, sowie die Verantwortung und Unsicherheiten dort platzieren, wo sie hingehören: zu uns selbst und diejenigen des Partners bleiben auch dort.

 

Das sind alles lediglich Anregungen, die ich mir durchaus selbst zu Herzen nehme. Und auch Simon und Nora profitieren davon. Denn sie wissen viel klarer, über welche Punkte sie verhandeln müssen, um sich miteinander glücklich zu fühlen.

 

Viel Freude beim selbst beobachten!

Claudia

 

 

Solltest du nicht wissen, wie du selbst in deiner Partnerschaft Vertrauen definierst, oder möchtest du das mit deinem Partner lernen, begleite ich euch gern dabei.

 

Solltest du dir grundsätzlich über deine Werte und deine Ausrichtung im Leben Gedanken machen, schau doch hier vorbei.