Lustlos vs. untervögelt

Lustlos und unzufrieden
Bild: Mystic Art Design von Pixabay

Die lustlose Frau und der unersättliche Vamp - das sind zwei moderne Mythen, die mir immer wieder vor die Linse laufen.

 

Aber stimmt es, dass Frauen weniger Lust haben als Männer? Oder sind alle Frauen unersättliche Sexmonster?

 

Und was nützt es uns, diese Stereotype zu propagieren? Oder wem schadet das?

 

Diese Fragen versucht dieser Artikel zu beantworten.

Lena Lustlos und Uta Untervögelt

Es ist 21:04 Uhr an einem schönen Montagabend. Ich sitze noch am Schreibtisch, um die letzten Büro-Sachen zu machen, bevor ich mich in die U-Bahn und damit in den Feierabend stürze. Da flattert eine Email in mein Postfach und ich denke mir: "Na, wenn ich eh noch dran sitz', kann ich auch die Mail bearbeiten."

 

"Hallo Claudia,

ich hoffe, du kannst mir helfen. Ich bin seit 5 Jahren in einer Beziehung. Eigentlich sind wir glücklich, aber in den letzten Monaten wird das Thema Sex immer mehr zum Problem. Ich habe einfach keine Lust. Früher war da mehr. Nicht, dass ich früher ständig Sex wollte, aber jetzt ist so gut wie nichts mehr da. 

Ich würde mich über eine Antwort freuen.

 

Liebe Grüße
Lena"

 

Ich schreibe Lena eine Antwort, in der ich ihr vorschlage, dass wir eine Coaching-Sitzung machen, um ihrer Lustlosigkeit auf den Grund zu gehen. Denn so viel weiß ich mittlerweile: Kein Mensch verliert grundlos seine Lust auf Sex. Keiner! Nie! Die Gründe dafür sind aber so vielfältig, dass ich mich lieber gemeinsam auf die Suche nach ihnen  mache, als alleine irgendwelche spröden Theorien von mir zu geben. Denn klar, wenn ich lese, dass sie in einer Beziehung ist und das seit 5 Jahren, könnte man schnell meinen, dass es auch ein bisschen "normal" sein könnte, dass Sex nicht mehr die Wichtigkeit hat. Die Realität erzählt mir häufig jedoch anderes.

 

Während ich so meinen Gedanken nachhänge, ist eine zweite Mail ins Postfach geflattert, die ich eben auch noch schnell ansehen mag - immer diese Neugier. 

 

"Liebe Claudia,

ich bin seit 2 Jahren in deinem Newsletter und verfolge deine Inhalte sehr gerne. Jetzt brauche ich mal wirklich deine Hilfe. Es ist mir ein bisschen peinlich. Denn normalerweise ist bei mir alles im grünen Bereich, wenn es um Sex geht. Ich hab viel Lust und Spaß am Sex. Mein Problem ist, dass mein Partner viel weniger Sex will als ich. Die Situation ist am Wochenende eskaliert, weil ich ihn fast angebettelt habe, dass er mit mir schläft. Er meinte, ich bin sexsüchtig. Kann das sein?

 

Viele Grüße
Uta"

 

Auch Uta bot ich ein Coaching an. Denn alleine aus dieser Email konnte ich sie weder beruhigen, noch sinnvoll beraten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sexsüchtig ist, schien mir sehr gering.

Von Frauenrunden und Sex

Unbefriedigte Lust
Bild: Alexandra Haynak www.pixabay.com

Zugegeben freute ich mich ein bisschen über diesen Zufall, dass sich zwei Frauen mit scheinbar entgegengesetzten Problemen innerhalb weniger Minuten an mich wandten. Mit Lustlosigkeit bin ich auch wirklich häufig konfrontiert. Mit "Überlust" begegnen mir im Coaching eher Männer. Im Privaten sieht das jedoch auch ganz anders aus.

 

Ein kleiner Schwank aus meinem Privatleben, der erst wieder mit diesen beiden Frauen Bedeutung gewann:

Während meines Studiums lebte ich mit zwei Frauen zusammen in einer WG. Wie der Zufall es wollte, waren wir irgendwann alle Singles. Aber mein Single-Leben war damals noch nicht so sexuell entspannt wie es mir gut getan hätte. Und auch die anderen beiden waren sexuell ein wenig unterversorgt. Eines Abends saßen wir gemeinsam in unserer Küche und da brach der Frust der untervögelten Frauen so richtig heraus. Wir waren uns einig, dass Handarbeit wundervoll ist, doch für manches Bedürfnis ein Gegenüber unerlässlich. 

Auf der anderen Seite waren wir uns auch einig, dass irgendein belangloser One-Night-Stand uns auch nicht das gäbe, was wir wollten. 

 

 

Das war der Stand damals. Doch als ich dann darüber nachdachte, wann Frauen häufig im Privaten über Sex reden, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Sie sprechen privat eher über Sex mit ihren Freundinnen, wenn sie gerade überhaupt nicht zufrieden sind - und sich darüber bewusst sind, dass Sex für sie wichtig ist.

Zwei Seiten einer Medaille

Wochen später bin ich nach der Arbeit mit Lena und Uta wieder auf dem Weg zur U-Bahn. Normalerweise beschäftigen mich meine Coachings nicht mehr, wenn der Tag beendet ist. Dieses Mal schon. Denn während der Gespräche mit beiden Frauen kam an diesem Tag etwas für mich doch verblüffendes heraus: Beide waren nicht zufrieden mit dem Sex, den sie haben konnten.

 

Lena verließ jedoch die Lust, Uta wurde dadurch nahezu unersättlich. Sie waren beide wie zwei Seiten einer Medaille.

 

(Ich mache hier einer kleine Denkpause. Vielleicht möchte der oder die eine oder andere Leser*in gerne in sich hineinhören oder einen halben Gedanken vervollständigen.)

Mythbusting der Frauen Lust

Jede der beiden Frauen hat natürlich ihre eigene Geschichte (wie sie Sex für sich bewerten und wie sie es gelernt haben, sowie ihr sexuelles Selbstbild) und ihre Umweltfaktoren (Partner und deren Sexdrive, sowie Arbeit und andere Verpflichtungen). Trotzdem war das nicht zufrieden sein mit dem Sex Hauptmotiv ihrer Verhaltensweisen (Verweigerung vs. Nötigung).

 

Damit komme ich zu den Eingangsfragen, ob Frauen weniger Lust haben (als Männer) oder ob sie insgeheim alle Sexbesessene sind. 

 

Meine Antwort hier lautet: weder noch! * (Buchempfehlung am Ende des Artikels)

 

Frauen haben Lust. Manche wissen es nur nicht. Und manche haben Partner, die weniger Lust haben als sie. Und jetzt?

Auswirkungen der unbefriedigten Lust

Bei Lena hat ihr Partner an ihr herumkritisiert und sie dazu gedrängt, sie solle doch endlich mal was gegen ihre Unlust machen. Lena hat, weil sie fürchtete, ihr Partner würde sie verlassen oder fremdgehen, sich Hilfe gesucht. Eigentlich fühlte sie sich falsch und schlecht. Ihre Lust war "nicht genug". 

 

Uta hat sich von ihrem Partner ebenso den Stempel abgeholt. In diesem Fall war es nicht Prüderie, sondern Sexsucht. Sie fühlte sich verzweifelt. Und am Ende sogar schlecht, weil sie ja möglicherweise eine Süchtige war.

 

In beiden Fällen haben alle Parteien die Verantwortung an den jeweils anderen abgetreten. Früher, als Frau noch Sündenbock für alles war, hätte sich nichts geändert. Da wär es den beiden nur schlecht gegangen. Sie hätten die "Schuld" für die unbefriedigte Lust aller Parteien getragen. 

 

Das hört sich jetzt enorm moralisch an. Ist es aber nicht. Denn im Endeffekt nutzt es nur den Partnern, die die Verantwortung abgeben, dass sie sich nicht verändern müssen. Und es schadet der Partnerschaft und dem Selbstbild desjenigen, der sich den Schuh selbst anzieht.

 

Im Übrigen hätte ich genau die gleichen Geschichten über Männer erzählen können. Denn Männer, die sich untervögelt fühlen, gelten ja schon fast als Standard. Männer, die keine Lust haben, geht es häufig aber wie Lena. Und es gibt sie. Immer mehr. Und das ist auch gut so!

Ein Ausweg aus dem Sexfrust

"Waaas? Was soll gut an lustlosen Männern sein?"

 

Lustlosigkeit oder ein nahezu unersättlicher Drang nach Sex (ich spreche hier nicht vom Sex, der einen glücklich macht und den man so gerne wiederholt) zeigen nur, dass es Störungen gibt. Und dann gibt es zwei Wege: Ich ignoriere die Störung (bis sie mir um die Ohren fetzt) oder ich schau sie mir an und behebe sie. Lustlose Männer ignorieren ihr Gefühl nicht mehr. Aber dazu sollte ich vielleicht einmal extra eingehen.

 

Solche Störungen können vorübergehend oder grundlegend sein. Dazu hier ein paar sehr häufige Beispiele:

  • Stress (weil das Leben zu voll ist und man sich keine Ruhepausen schafft)
  • schlechte Erfahrungen mit Sex
  • Vorbilder in Kindheit und Jugend, die Sex nicht besprochen haben oder ein negatives Bild hinterlassen haben
  • keine oder wenig Ahnung davon, was einem sexuell gefällt
  • ein Partner, der mental nicht anwesend ist
  • feste Vorstellungen davon, wie Sex zu sein hat 
  • ausschließlich Sex, der sich anfühlt wie Masturbation nur mit jemand anderem dabei 
  • mangelnde Kommunikation über Sex und sexuelle Wünsche
  • Forderungen und Erwartungen
  • mangelnde Neugier

 

Vielleicht fragst du dich, ob Scham oder Techniken oder Langeweile nicht auch dazu gehören. Ja, tun sie. Unterm Strich sind sie aber Ergebnisse aus den Punkten, die ich oben genannt habe. 

 

Der Ausweg besteht im Prinzip aus folgenden Punkten: Kenne deine sexuelle Geschichte, finde heraus, was dir gut tut und Freude macht und kommuniziere das, ohne es penetrant zu fordern. Bleibe offen für Neues, gestehe dir einen Raum für Experimente und Fehlschläge ein - keiner ist perfekt. Und stehe zu deiner Lust. Sie ist eine wahre Freude.

 

Das gilt sowohl, wenn du eine Frau bist, als auch wenn du ein Mann oder irgendetwas anderes!

 

In diesem Sinne viel Freude an deiner Lust!

Claudia

 

Wenn du selbst deine Lust näher unter die Lupe nehme willst, deine Unlust endlich hinter dir lassen magst oder wissen magst, wie du deinem Partner sagen kannst, was du eigentlich möchtest, dann komm auf mich zu und wir schauen in einem Coaching-Gespräch, wie du deine Lust auf Vordermann bringen kannst.

 

* Wer sich genauer und wissenschaftlicher mit der Frage der Lust der Frau beschäftigen will, dem empfehle ich das Buch "Sex: Die wahre Geschichte".