Die Macht des klaren Neins

Nein sagen macht Spaß
Nein sagen macht Spaß

Hast du dir bereits Gedanken darüber gemacht, was die Macht des klaren Neins ist? Auch wenn das keine neue Sache ist, die ich in diesem Artikel besprechen möchte, ist sie es dennoch wert, noch einmal durch die Gehirnwindungen gejagt zu werden.

 

 

Ein Nein zu anderen, ist ein Ja zu sich

Wer kennt diese Weisheit nicht? Ich finde, sie hört sich super schön und soft und leicht umzusetzen an. Doch in der realen Welt, in Echtzeit, ist sie manchmal ganz schön hart umzusetzen.

 

Wir haben oft verlernt, wie es geht, nein zu sagen. Dabei ist es prinzipiell ziemlich einfach.

 

Erst vor wenigen Tagen bin ich mal wieder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen (ja, ich liebe mein Auto, habe jedoch NEIN zu ihm gesagt). Neben mir im Vierer saßen eine Mutter und ihr kleines Kind. Das Kind war in seiner "Nein"-Phase. Und ich hab mich weggeschmissen vor lachen - innerlich. Denn alles, was die Mutter an ihn heran trug, wurde mit einem beherzten "Nein" quittiert. 

 

Wenn es für das kleine Kind so einfach ist, was macht es uns so schwer?

Gedankenmüll

In dieser Phase des Nein-sagens lernen wir, wie Menschen auf unser Nein reagieren. Wir versuchen, unsere Grenzen zu testen und zu sehen, wer in welcher Situation wie reagiert.

 

Über die Zeit sammeln wir dann so hübschen Gedankenmüll wie:

  • "Wenn du das nicht machst, ist die Mama aber enttäuscht."
  • "Wenn du die Tante nicht umarmst, ist sie aber traurig."
  • "Wenn du nicht lernst, wird der Papa wütend."

 

Und wir lernen noch viel mehr über die indirekten Signale unserer Gegenüber. Kannst du dich an das enttäuschte Gesicht einer nahestehenden Person erinnern? Das tut schon beim Erinnern weh...

Je empathischer, desto weniger Nein

Menschen, die sehr empathisch sind und Menschen, die sehr darauf trainiert wurden, empathische Entscheidungen zu treffen, fällt das Nein sagen oft sehr schwer.

 

In der Folge sind solche Menschen öfter am Rand ihrer Belastungsgrenzen, machen viele Dinge mit, die ihnen keine Freude machen und fühlen sich oft ausgenutzt, betrogen und von ihren Mitmenschen alleine gelassen.

 

Doch das lässt sich ändern.

Der Kompass des Nein-Sagens

Kompass des Nein-Sagens
Kompass des Nein-Sagens (Bild: MasterTux, pixabay)

Wer Nein-Sagen lernen möchte, braucht einen inneren Kompass! Es geht also nicht um Regeln, denn Regeln sind sehr unflexibel und nicht überall einzusetzen.

 

Beispiel: "Mein Busen ist eine Intimzone, die nur mir gehört."

Regel: Immer dann, wenn mir jemand an den Busen fasst, muss ich sagen: "Nein, lass das. Das passt mir nicht."

Kompass: Immer dann, wenn mir jemand an den Busen fasst, kann ich entscheiden, ob ich das will oder nicht. Es kommt auf die Person und die Situation an.

 

 

Womit wir unseren Kompass also füttern, sind Erfahrungen und Grenzen, die im Moment gelten.

Grenzen gehören zum Nein

Jetzt kommt der Knackpunkt. Wir alle sind in der Lage das Wort "Nein" auszusprechen. Glaubst du nicht? Mach doch mal, um zu testen.

 

Womit wir unseren Stress haben, sind unsere Grenzen. Wo habe ich eine Grenze? Und habe ich gelernt, sie zu verteidigen?

Der Segen einer guten Grenze

Jetzt ist es bei menschlichen Grenzen so, dass diese nicht so automatisch da sind wie es bei einem Haus die Wände sind.

 

Grenzen entstehen durch Erfahrung. Grenzen sind situationsabhängig. Ja, es gibt Grenzen, die sind immer gleich. Und es gibt Grenzen, die sind mal da, mal nicht.

 

Das Tolle an einer guten Grenze ist, dass sie die Möglichkeit zu einem guten Kontakt ermöglicht. Hier schließt sich der Kreis zum Anfang: Ein Nein zu anderen, ist ein Ja zu dir.

Grenzen ermöglichen Kontakt

Claudia sagt: Stopp - bis hierhin und nicht weiter!
Stopp - bis hierhin und nicht weiter! (Bild: Dana Diezemann)

Ich war am 10.3.2018 auf dem BleibGesundCamp in Esslingen. Dort habe ich eine Session gehalten, die den Teilnehmern erlebbar machte, welches Potenzial in Grenzen steckt.

 

Zunächst durften sie ihre Grenzen abstecken und verteidigen. Das war für viele schon spannend. Denn wer weiß schon ganz genau, wie es sich anfühlt, eine Grenze zu verteidigen?

 

Und dann durften sie für sich selbst entscheiden, Kontakt an ihrer Grenze aufzunehmen. Der ultimative Schritt der Entscheidung war dann, ihre Grenze für den anderen bewusst zu öffnen oder nicht. 

 

 

Das spannende war, dass etwas in den Menschen passierte: Wenn ich meine Grenze erkenne, wenn der andere sie respektiert, dann fällt das in den Kontakt gehen und die Grenzen zu öffnen, sehr leicht. 

Was ist, wenn ich die Grenze nicht verteidige?

Es gab auch den Fall, dass eine Person merkte, dass die Grenze nicht gut verteidigt war. Im Nachgespräch stellte sich heraus, dass die Person den Schluss zog, sich also mehr vor Menschen zurückzuziehen. 

 

Das ist eine Möglichkeit, wie man damit umgehen kann, wenn Grenzen in einem noch nicht klar abgesteckt werden können.

 

Eine andere ist es, dass man übt, seine Grenzen immer besser zu spüren und diese in kleinen Dingen konsequent zu verteidigen, bis man ein Gespür dafür hat. Denn dann trainieren wir in diesem Maße auch unsere Fähigkeit, Kontakt aufzubauen, der uns gut tut, in dem wir uns geachtet und geschätzt fühlen.

Ein klares Nein ist die Chance zu einem Kontaktangebot

In diesem Sinne lohne es sich, die Enttäuschungen der anderen auch einmal auszuhalten. Und wir müssen auch nicht immer gleich nein oder ja sagen. Wir dürfen uns Zeit nehmen zu spüren, wo gerade unsere Grenze ist.

 

Dann können wir mit einem Nein ganz viel echten Kontakt und gute Beziehungen aufbauen, weil dann ein Ja ebenso kraftvoll und verbindlich wird.

 

In diesem Sinne viel Spaß beim "Nein-Sagen" üben :-)

Claudia

Vor der Session und danach (beachte mal die Sitzdistanzen :-) )