Sexuelle Doppelmoral in der Gesellschaft - ein Teufelskreis

Doppelmoral Sexueller Teufelskreis
Bild: www.pixabay.com; von Engin_Akyurt

Spätestens seit der #metoo Debatte hört man wieder überall Schlagwörter wie "Gleichberechtigung", "sexuelle Selbstbestimmung" und "Freiheit". Das hat auch seine Richtigkeit, wenn da nicht so ein - wie wir im Schwabenland so schön sagen - Gschmäckle dabei wäre.

 

In diesem Beitrag geht es mir nicht um die #metoo Debatte. Mir geht es um die vielen sexuellen Doppelmoralen in unserer Gesellschaft, die so, wie es aktuell ist, in einem Teufelskreis für Frau und Mann mündet. 

 

Bist du jemand, der bei Provokation und scharfen Thesen Schnappatmung bekommt, überlege dir gut, ob du weiter liest. Denn ich bin im Verlauf des Textes nicht zimperlich.

Gesellschaft, wir haben ein sexuelles Problem

Natürlich bewegt sich gesellschaftlich seit vielen Jahren immer mehr zum Positiven. Das hat mit der Gleichstellung der Frau zu tun. Ich sehe jedoch neben dieser Strömung, eine andere.

 

Während sich das Thema Sexualität immer mehr im Zwiespalt zwischen völlig überdreht-frivol und klinisch-therapeutischen Bereich bewegt, fehlt mir persönlich die ehrliche Auseinandersetzung in der Mitte. 

 

Ich habe bereits einmal über die zentralen erotischen Fantasien geschrieben. Ein Aspekt dieses Modells ist es, dass verdrängte Themen und dogmatische Verbote sich in Schattenthemen Bahn brechen. Sprich: Wenn du deine Sexualität unterdrückst, pervertiert sie sich. Dann hängt man irgendwelchen Sexsüchten nach, drückt das Thema völlig weg, bis man glaubt durch einschlägige Romane seine Erlösung zu finden (was ja vielleicht auch sein kann), dann entwickelt man zwanghaftes sexuelles Verhalten. Das ist ein Problem!

Frauen- und Männerbilder

Dazu kommt, dass wir uns täglich mit völlig kruden Frauen- und Männerbildern füttern. Das Frauen- und Männerbild in der Gesellschaft wird ständig breit diskutiert ohne echte Ergebnisse zu produzieren. Ich habe dazu auch keine Antwort, weil ich glaube, dass es differenzierter ist als das, was wir häufig diskutieren.

 

 

Mir geht es darum, wie Männer und Frauen sexuell in der Gesellschaft präsentiert werden. Das ist am leichtesten über alle uns zur Verfügung stehenden Medien zu beobachten. In meinen Augen sind Medien nicht das echte Bild der Gesellschaft. Meiner Meinung nach, haben sie die Funktion, in uns (Medien-)Konsumenten Begehrlichkeiten zu erwecken. Über die schiere Masse der Bilder und anderen Informationen, beeinflusst auch das Konsumieren dieser unsere Wahrnehmung, unsere Gedanken und unser Gefühl. 

Die Darstellung der Frau...

Frauen in den Medien werden überproportional sexualisiert dargestellt. Sie sind meist zwischen 18 und 30, häufig sehr erotisch, sinnlich oder sexy. Verführerische Posen, eher verführbare und schwache Körperhaltung, hohe Stimmen, meist abhängig. Starke Frauen werden meistens auch durch irgendeinen tollen Mann zum weichen Weibchen. Frauen werden oft als prüde, schüchtern und unerfahren dargestellt. Sie warten auf den Einen, der sie sexuell befreit, befriedigt und glücklich macht. Eine Frau ist immer willig, auch wenn das gesellschaftliche Narrativ uns weis macht, dass Frauen viel weniger Lust auf Sex haben als Männer. 

 

In dieser Darstellung wird die Frau zum rettungsbedürftigen Opfer stilisiert, das ohne eigenen Sextrieb, immer willig ist oder sie ist ein Männer verschlingender Vamp, der ebenso von ihrem Sextrieb gerettet werden muss. Schließlich ist eine Sex hungrige Frau IMMER einsam und verletzt.

Die Darstellung des Mannes...

Das Männerbild ist ähnlich fragwürdig gestaltet. Männer werden in den Medien überproportional männlich-stereotypisiert dargestellt. Sie können alles, wissen alles und es klappt mit jeder Frau, die sie haben wollen immer und überall. Sie wissen, wie jede Frau sexuell funktioniert und können es ihr mehrfach besorgen. Ganz egal, wie es ihnen geht und was ihnen gerade Kummer bereitet. Ja, diese Männer haben nie Probleme, sie managen ihr Leben mit Links und lassen sich nicht bändigen. Und genau deshalb sind sie geliebt und begehrt von den Frauen. Sie sind wahre Helden, die mit einem Hauch ihres Atems jede Frau zum Beben bringen können. 

 

Auf der anderen Seite werden Männer als die absoluten Verlierer dargestellt. Die nie eine Frau haben und meistens auch noch sehr spezielle Hobbies haben, die sie obsessiv verfolgen. Mit diesen Männern möchte sich jedoch kein Mann identifizieren, denn sie sind nicht begehrenswert und sie sind auf die eine Frau angewiesen, die sie wegen ihrer inneren Werte liebt.

 

Begehrenswerte Männer sind also immer die obercoolen Macher und Retter. Sie dürfen sich nicht verletzlich zeigen, sonst sind sie ja wie ihre "Waschlappen"-Kollegen, die keiner will. Die Weicheier werden dann immer von einer überproportional attraktiveren Frau "errettet". Spannender Weise haben diese Frauen in den Medien kein sonderlich spannendes Profil. Meist sind sie irgendwie verrückt oder haben Bindungsängste. Aus diesem Zwiespalt errettet sie dann das Weichei.

 

Gesellschaftlich-sexuelle Ansprüche

Lassen wir jetzt einmal beiseite, wie homosexuelle Menschen dargestellt werden. Das ist noch ein ganz eigenes Thema. Doch aus diesen Frau-/Mann-Konstruktionen resultiert, dass wir erwarten, dass Männer Frauen immer glücklich machen können und sexuell befriedigen.

 

Männer machen die Arbeit, Frauen lassen sich bedienen. Männer wählen sich die Frauen und es ist völlig in Ordnung, dass man Frauen benutzt, weil sich ein begehrenswerter Mann nicht binden muss.

 

Frauen müssen nichts über ihre Sexualität wissen. Der „Richtige“ wird sie auch im Bett von ihrem Dornröschenschlaf erwecken und in ihr die Sexgöttin zum Vorschein bringen. Wenn das nicht der Fall ist, darf sich Frau ruhig entspannt nach hinten legen und als Pillow-Princess mal ganz lässig „Next“ sagen. Denn der Mann hat „es“ nicht gebracht.

 

 

Das Fatale ist, dass viele Menschen diese Bilder indirekt glauben. Auch wenn es völliger Quatsch ist!

Weitere Probleme, die unreflektierter Medienkonsum mitbringt

Durch die Bank hinweg wird dann auch noch propagiert, dass Sex immer und überall zu jeder Zeit und mit jedem Menschen immer möglich ist. Das, was in unserer Alltagswelt sowieso schon vorhanden ist, nämlich, dass alle Ressourcen scheinbar grenzenlos zu Verfügung stehen, wird gnadenlos auf unser Sexleben übertragen. Sex wird zum Konsumgut. 

 

Ich beobachte es darüber, dass es immer mehr Beiträge darüber gibt, wie man schneller, effizienter und toller zu längeren und mehreren Orgasmen kommt. Das Überangebot für Ratgeber und Meinungen, Tipps und Tricks für den noch besseren Sex überschwemmten die letzten 10 Jahre die Medien.

 

Auch das steigende Angebot an Online-Flirt und Datingportalen spricht dafür, dass die Konsumhaltung in unserer Gesellschaft auch in unseren Schlafzimmern angekommen ist.

 

 

Das wir uns richtig verstehen, ich kritisiere das alles nicht im geringsten. Denn wie alle Erscheinungen, kann auch das sowohl positive als auch negative Auswirkungen zeigen. Ich möchte nur eine grundsätzliche Haltung zeigen.

 

Ideale Singles - ideale Beziehungen

Wenn ich jetzt schon das Frauen- und Männerbild besprochen habe, möchte ich auch einen kurzen Ausflug zu den Beziehungsmythen machen, die im Moment so in sind. Denn auch da herrschen Bilder, die uns in den Teufelskreis führen, den wir gerade leben.

 

Durch die ganzen Dating-Angebote hat man als Single fast die Pflicht, sich über jede Plattform auszutoben. Wer keinen Account auf Tinder oder anderen Plattformen hat, wird schon fast schräg angeschaut. Nie war es so leicht, an Sex zu kommen wie heute.

 

Paare haben in unser sexuell-gesellschaftlichen Doppelmoral hingegen andere Probleme. Denn das Bild, das von und für Frauen und Männer gemalt wird, trägt nicht zu glücklichen Paarbeziehungen bei. Welche Frau ist im Alltag immer sexy und hilflos? Und welcher Mann regelt immer alles problemlos und kann auch in stressigen Situationen immer der beste Lover der Welt sein? Da knackst das Bild. Doch auch dafür hat man eine Lösung: Die Liebe!

 

 

Die Liebe, die einem IMMER Lust in die Venuslippen und in den Freudenstab zaubert. Das ideale Paar lächelt immer, hat immer Lust aufeinander. Man kuschelt, man hat viel Zweisamkeit. Streits werden mit Sex beigelegt. Sex muss nicht öde werden, denn wenn man sich nur genug liebt und sich Mühe gibt, dann bleibt es wie in den ersten Wochen. Dann geht auch keiner fremd. Dann verliebt sich auch niemand spontan mal in jemand anderen. Denn die monogame Zweierbeziehung, in der wir voll und ganz aufgehen, ist immer noch das Maß der gesellschaftlich sexuellen Dinge! 

 

Dass ich nicht lache. Zum Thema Liebe und Sex sollte ich wohl auch einmal einen Artikel schreiben.

Guter Sex wird zur Pflicht

Und damit nicht genug. Überall liest und sieht man "guten" Sex. Es scheint eine „Pflicht“ für guten Sex zu geben. Doch anstelle sich der Diskussion zu stellen, was guter Sex überhaupt bedeutet, werden wieder alte Kochrezepte ausgetauscht, die einem die tollsten Stellungen beibringen. Und wir glauben, dass das mit gutem Sex zu tun hat - nicht...

 

Menschen, die eben keinen "perfekten" Sex haben, fühlen sich schlecht und wenn man dann mal einen Partner hat, mit dem es eben nicht sofort klappt, dann stehen die Menschen hilflos da und wagen sich vor lauter Scham noch nicht einmal darüber zu reden.

 

In der Realität werden die Räume für gute Sexualität durchaus größer. Wenn man sich traut. Doch im gleichen Maße werden wie auch wieder enger. Denn Sex wird zu einer Live-Style-Leistung. 

Mittlerweile gibt es immer mehr Menschen wie mich, die offenen Herzens dabei unterstützen, dass Menschen wieder schöne Sexualität leben können. Guter Sex ist auch kein Geheimnis. Doch aufgrund seltsamer Überlegungen und falsch verstandenem Schutzauftrag, sowie Prüderie, werden die Räume des sexuellen Lernens künstlich verkleinert. 

 

 

An dieser Stelle muss ich erst einmal tief durchatmen. Denn das ist der Punkt, an dem viele Menschen im Moment stehen. Und das bedeutet Stress. 

Sind wir Opfer unserer Gesellschaft?

Bis hierher konnten sich wahrscheinlich viele Leser noch finden. Zumindest in Teilen. Ich hoffe zwar, dass dem nicht so ist, aber wer weiß?

Doch nun mach ich ein Fass auf, das ich mit ein paar Sätzen danach versuche zu befrieden.

 

Es wäre zu einfach zu sagen: "Wenn das so ist, dann können wir ja gar nichts machen. Wir sind halt Opfer unserer Gesellschaft." Das ist im Übrigen oft die scheinbare Lösung für alle Probleme, wenn es um Sex geht (und nicht nur dort). Wir bleiben allzu gerne in einer Opferhaltung. Auch wenn man tatsächlich zum Opfer wurde, ist es in vielen Fällen möglich, diesen Status zu verändern. Es ist jedoch anstrengend. 

 

Ich mache hier und heute ein klares Statement:

 

Wir vertiefen die sexuellen Probleme mit all ihren Facetten in unserer Gesellschaft selbst, weil wir nicht hinterfragen, womit wir unsere Gehirne täglich füttern. Und wir scheuen die Anstrengung, die Veränderung manchmal kostet. Oder das Gefühl des Ungewissen. Denn wir wissen nicht mehr, wie es sich anfühlt, wenn Frauen kollektiv kraftvoll-sexuell sind und die Sexualität der Männer kollektiv herz-verbunden.

Was braucht der entspannte Umgang mit Sexualität?

All diese Bilder und Begehrlichkeiten, die wir konsumieren und aufrecht erhalten, sind weder gut noch schlecht. In meinen Augen täte es uns gut, einige ganz essenzielle Dinge zu ergänzen, um einen entspannten, genussvollen und befriedigenden Umgang mit Sexualität zu haben:

 

  • Bezug oder nicht Bezug der Bilder zum eigenen Leben
  • Zugang zu den eigenen Bedürfnissen
  • Offenheit für andere Liebes- und Lebensentwürfe
  • Kommunikation
  • die Fähigkeit, Präsenz zu halten im Augenblick und für den anderen
  • Beziehung zu sich und anderen

 

 

 

 

 

 

 

Diese Dinge, die wir täglich implizit auf uns einprasseln lassen, lernen wir ganz unbewusst mit. Doch die Dinge, die wir ergänzen sollten, werden in diesen Bildern nicht oder nicht ausreichend transportiert. Wir leben in einer hoch individualisierten Gesellschaft und es wird uns ein so enges Bild von Sexualität und allem, was dazu gehört, gezeigt. 

Was bedeutet das für uns?

Meine Botschaft am Ende dieses Textes ist, dass wir durchatmen, einen Schritt zurücktreten und prüfen, was wir wirklich wollen. Lerne dich selbst kennen, auch sexuell. Denn unter diesen Informationen, die uns sexuelle Offenheit suggerieren, liegt eine tief verwurzelte Verklemmtheit, die uns immer noch daran hindert, uns auszutauschen, uns wirklich mit uns selbst zu befassen. Wer bin ich eigentlich sexuell – jetzt? Diese Frage kann man sich immer wieder stellen.

 

Es ist okay, wenn man nicht der Superstecher oder die männerverschlingende Sexbombe ist. Es ist okay, wenn man mit mehreren Menschen schlafen möchte und es ist okay, wenn man nicht mit jedem schlafen will, der einem vor die Flinte kommt. Es ist okay und sogar wünschenswert, wenn man darauf hört, was man gerade möchte und wo die eigenen Grenzen liegen. Es ist gut und richtig, sich die Räume zum Lernen zu nehmen. Es ist gut zu reflektieren, ob das, was gerade da ist, wirklich zu mir passt.

 

 

So lernen wir das in unser Leben zu holen, was im Moment noch in den gesellschaftlichen Bildern wenig präsent ist.

 

Ich wünsche dir lustvolles Lernen!

Bis bald

Claudia