Sexuell missbraucht - ein Leben danach?!

Zeit etwas zu ändern. Bild: www.pixabay.com
Zeit etwas zu ändern. Bild: www.pixabay.com

Dieser Artikel versucht einen Hoffnungsschimmer zu zeichnen. Er ist definitiv keine Lösung. Denn die Lösung kann ein kleiner Blog-Beitrag nicht leisten.

Nun aber los, denn es geht hier nicht um das Thema "Was kann ein Blog-Eintrag leisten", sondern um einen kleinen Teil des riesigen Themas sexueller Missbrauch oder - wie es in der Fachwelt benannt wird - sexuelle Gewalt.

Ein Thema, vor dem die Welt die Augen schließt

Sexueller Missbrauch ist ein Thema, das gerne totgeschwiegen wird. Es ist unangenehm. Die Betroffenen kämpfen häufig mit unglaublich vielen widerstreitenden Gefühlen. Zum Teil geben sie sich sogar selbst die Schuld daran. 

Nicht Betroffene fühlen sich oft hilflos oder brechen in extreme Gefühle aus - Wut, Rache, Bestürztheit, unendliches Mitleid. Andere leugnen es einfach weg: "Das kann nicht sein. Erzähl doch nichts."

Und andere schauen einfach nur weg, womit sie weiteren Übergriffen Tür und Tor öffnen.

Die Sexcoach und der Missbrauch

Als Mentorin für weibliche Sexualität, Sexcoach oder Sexological Bodyworkerin treffe ich unter anderem auch immer wieder auf Frauen, die dieses Päckchen mit sich tragen. 

 

Es ist dabei keineswegs so, dass sie wegen der Übergriffe zu mir kommen. Viele Frauen klagen über

  • Lustlosigkeit,
  • körperliche oder emotionale Taubheit beim Sex,
  • körperliche Fremdheitsgefühle oder
  • dass sie es irgendwie nicht schaffen, ihren Körper kennen zu lernen und zu genießen.

Ein bewegendes Coaching

Nicht jede Frau erzählt mir davon und das ist auch nicht unbedingt nötig, um Fortschritte zu machen. Jede hat ihre ganz eigene Geschichte und trägt ihre ganz individuellen Folgen davon. Dabei sind es in den seltensten Fällen Vergewaltigungen wie man sie so aus den Medien kennt. 

 

Ein Satz fiel mir vor einiger Zeit im Coaching mit einer Frau auf, der mich nicht mehr losließ: "So schlimm war's nicht."

 

Die Frau kam zu mir mit dem Auftrag, dass sie ihre Sexualität endlich richtig ausleben möchte. Sie war Anfang 40, mittlere Führungsposition, gut gekleidet und ich sah, dass sie sich fit hielt. 

 

Nach dem Kennenlerngespräch war es klar, dass wir gemeinsam nach Sexological Bodywork arbeiten würden, damit sie ihren Körper kennen lernt und wieder Bezug zu ihrer körperlichen Erregung aufbauen kann. (Natürlich spreche ich mit meinen Coachees trotzdem immer)

 

Sie kam zum vereinbarten Termin und wir machten uns nach einem Vorgespräch an die Arbeit. Unser Ziel war es, dass sie ihren ganzen Körper spüren darf. Deshalb berührte ich ihren Körper und sie gab mir Rückmeldung, wie es sich für sie anfühlte.

 

Als wir an ihren Oberschenkeln ankamen, erstarrte sie zur Salzsäule und hörte auf zu atmen.

 

"Flora, merkst du, dass du die Muskeln anspannst und nicht mehr atmest?" (Name ist geändert)
"Ja, das passiert mir öfter da. Hätte nicht gedacht, dass das jetzt bei dir auch passiert. Sonst hätte ich was gesagt."

"Darf ich dich dort berühren oder soll ich meine Hände jetzt wegnehmen?"

"Nein, bleib da. Geht schon."

"Tust du mir den Gefallen und atmest ein bisschen mit mir, während ich die Hände ruhig liegen lasse? Falls es nicht geht, machen wir was anderes."

"Ja." 

 

Und es ging nicht.

 

"Gut, Flora, dann kannst du vielleicht versuchen, die Beine zu bewegen?"

"Ja."

 

Und das ging. Und dann funktionierte auch das Atmen wieder.

"So schlimm war's nicht"

Wir fuhren fort und das Coaching nahm noch richtig Fahrt auf. Am Ende spürte sie ihren ganzen Körper und sie wollte vieles zu Hause noch vertiefen.

 

Dann fiel ihr ihre Erstarrung ein und sie meinte: "Tut mir Leid wegen vorhin. Das passiert mir immer wieder mit meinem Mann. Weißt du, es ist mir immer unglaublich unangenehm. Aber es schien immer so als könnte ich nichts dagegen machen. Es ist nur so, dass das durch meine Geschichte kommt..." und dann erzählte sie mir noch eine ganze Menge mehr.

 

Ich hörte ihr aufmerksam zu und stellte keine Fragen. Sie endete nach 45 Minuten Erzählung mit: "Ich weiß nicht, wieso ich das erzähle. So schlimm war's nicht. Anderen geht's viel schlimmer."

 

Damit gab sie sich selbst eine saftige Ohrfeige. Denn irgendwie hat es sie doch sehr bewegt, was sie erlebt hatte. Und es hatte sich in ihrem Körper festgesetzt. So deutlich, dass sie sich zum Teil gar nicht mehr spürte und dass sie bei manchen Berührungen erstarrte.

Der Weg aus dem Teufelskreis

Ich blickte sie an und meinte: "Es war vielleicht nach objektiven Kriterien kein Horrorfilmmaterial, doch was es in dir ausgelöst hat, war viel." Sie schien auf einmal unglaublich weich zu werden und erzählte mir, was immer wieder in ihr spukte.

 

Gemeinsam ordneten wir ihr Innenleben noch, sonst hätte ich ein schlechtes Gefühl gehabt, sie gehen zu lassen. Sie fragte, ob ich ihr helfen könne, dass alles wieder gut wird. Woraufhin ich ihr ehrlich antwortete, dass wir nicht erreichen können, dass ihre Erfahrung ausgelöscht wird. Wir tun jedoch unser bestes, dass sie ihren Körper und ihre Lust wieder zurückgewinnen wird und ihr Körper weder taub noch starr werden muss.

 

Das war vor neun Monaten. Seither ist sie bereits viele Schritte gegangen und starr wird sie gar nicht mehr. Auch mit den Männern bei der Arbeit geht sie viel Selbstbewusster um. Ich bin gespannt, wie es weiter geht.

Happy End?

Ich hab nicht zu viel versprochen am Anfang. Es gibt keine Lösung in diesem Artikel. Was mein Anliegen jedoch ist, den Menschen, die sexuelle Grenzverletzungen erlebt haben, auch wenn sie noch so gering sein mögen, zu sagen, dass sie ebenso das Recht darauf haben, ernst und wahrgenommen zu werden. Ja, es gibt (oft) viel schlimmere Geschichten, doch es ist die eigene Erfahrung, die uns beeinflusst. Und es gibt Wege, die eine Veränderung herbeiführen können.

 

Happy End? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht ein "Better End" oder ein "Joyful End"?

 

Mit diesem Artikel bedanke ich mich bei all den Menschen, die sich mir anvertrauen und die bereit sind, Schritte in Richtung Veränderung zu gehen.

 

Bis bald!
Eure Claudia

 

P.S.: Dieses Thema ist viel zu weit, um in einem Artikel ansatzweise zu schreiben, was es zu schreiben gibt. Selbst ein Buch ist zu klein dafür. Dennoch bin ich dabei, ein Buch zu schreiben über, für und mit Menschen, die sexuellen Missbrauch erfahren haben und sich die Mühe gemacht haben oder machen, im Leben zu sein. Im August geht's konzentriert ans Schreiben und wer auf dem Laufenden bleiben will, der darf sich gerne in meinen Liebesbrief und Lustletter eintragen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Birgit (Dienstag, 13 Juni 2017 21:28)

    Ach mann... :-(
    "So schlimm war's nicht", das ist wohl die Geschichte von vielen von uns.
    Wie gut dass du drüber schreibst und dem eine Stimme gibst. Danke.