Dein Körper - dein Tempel

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Vor einer halben Woche erzählte mir eine Bekannte, wie sich ihre Schülerinnen und Schlüler während des Sexualkundeunterrichts verhalten. Die Jungs protzen herum, wie häufig sie sich selbst befriedigen. Die Mädchen sitzen verschüchtert daneben. Eine Schülerin hatte sich getraut zu fragen, wo denn die Klitoris sei. Weil jedoch jedes klitzekleine Detail und Bild, das Lehrer zeigen, mit den Eltern abgesprochen werden muss, gab meine Bekannte ihnen den Tipp, sich selbst im Spiegel anzusehen. Dann kam Leben in die Mädchen: "Ih!!!! Das mach ich niemals!!! Das ist ja ekelhaft!!! Das ist pervers!"

Verständlich, dass meine Bekannte fassungslos war.


Als sie mir das erzählte, war ich sehr berührt. Auf der einen Seite war ich wirklich wütend darauf, dass sich Jahrzehnte nach der sexuellen Revolution scheinbar immer noch nichts verändert hat. Und ich war gleichzeitig traurig darüber, wie nötig es immer noch ist, den weiblichen Körper wieder zu rehabilitieren, was das religiöse Erbe (nicht nur der Christen) beschädigt hat.


Und es hat sich doch was verändert

Dabei könnte man meinen, es hätte sich viel verändert. Und das hat es auch.


Mittlerweile besteht eine Bewegung, die sich dem Körper widmet: Mehr Bewegung, ein Trend zur besseren Ernährung, wir definieren unsere Muskeln und so weiter.


Und auch diese Mädchen aus der oberen Erzählung achten sehr auf ihr Äußeres. Es gab keine, die nicht wenigstens einmal eine Diät ausprobiert hat - in der 9. Klasse!


Ein paar Dinge, die ich beobachtet habe

Hier steige ich aus. Ich bin perplex und fassungslos, denn hier läuft etwas gewaltig schief.


Deshalb bau ich das Thema mal anders zusammen:

  • Es besteht ein Trend, sich immer mehr um sein Äußeres zu bemühen.
  • die Kosmetikindustrie mit ihren Cremes und Schminke und Faltenweg-Mitteln wächst.
  • Die Industrie der Abnehmpülverchen und Wunderpillen wächst.
  • Die Menschen werden immer älter, gleichzeitig immer kränker (die Zahlen der verkauften Medikamente steigt).
  • Wir wissen durch die Forschung immer besser, wie unser Körper funktioniert und kennen damit unseren Körper IM PRINZIP immer genauer.
  • Mädchen im Alter von 15/16 Jahren (und nicht nur die) haben keine Ahnung, wo ihre Klitoris ist.
  • Mädchen im Alter von 15/16 Jahren (und nicht nur die) tun viel, um Jungs zu gefallen, um begehrenswert zu sein.
  • In Einkaufsläden macht der Flächenanteil von Obst und Gemüse einen Bruchteil der Gesamtfläche aus.
  • "Fressbuden" florieren.
  • In Schulen dürfen Fragen zum eigenen Körper nur indirekt beantwortet werden.


Tabletten, Tapete und Trampolin, wie passt das zusammen?

Ist dir was aufgefallen?


Wir wollen immer schöner, älter, schlanker, gesünder werden. Wir hoffen dabei auf Versprechen, die eine Industrie gibt, die damit Unmengen an Geld verdient. Egal ob es jetzt kosmetisch oder pharmazeutisch oder nahrungsergänzend st.


Wir schaffen im gleichen Atemzug immer schlechtere Voraussetzungen dafür, indem wir uns ernährende und gesundhaltende Lebensmittel (Obst und Gemüse) immer weiter verdrängen, uns mit Terminen zukleistern und einen Lebenswandel fördern, der uns vorgaukelt, dass wir alles haben können, wenn wir nur hart genug arbeiten, dann künstlich unsere Muskeln stärken in Muckibuden und uns künstlich fit machen, indem wir anstelle eines bunten Salats oder eines Apfels eine kleine Pille mit "allen essenziellen Spurenelementen und Vitaminen" zu uns nehmen.


Das Körpergefühl geht völlig flöten, weil wir uns nicht mehr die Zeit nehmen, auf den Körper zu achten. Und noch schlimmer: Wir ignorieren unseren Körper völlig, während wir uns oberflächlich immer mehr mit ihm beschäftigen!


Kurze Richtigstellung

Damit du mich richtig verstehst: Ich habe nichts gegen Fitnessstudios. Ich habe auch nichts gegen Kosmetik und Schminke.


Ich treibe auch Sport, weil ich im Alltag zu wenig Bewegung habe. Ich schminke mich auch, wenn ich Lust drauf habe und ich verwöhne meinen Körper auch mit tollen Ölen.


Was ist die Motivation?

Ich hinterfrage die Motivationen, die hinter unserem vermeintlichen Körperkult stehen.


Wieso versuchen viele Frauen sich attraktiv und begehrenswert für das jeweils begehrte Geschlecht zu machen?

Wieso versuchen wir alle, besser auszusehen?

Wieso benutzen wir so häufig eine Maske in Form von Schminke, Klamotten, Körperformen?

Und ganz wichtig: Wieso sind Frauen enttäuscht, wenn Männer erotisch auf ihre Bemühungen reagieren?

Wieso sind wir trotzdem nicht glücklich, wenn wir uns ins Fitnessstudio quälen?



Ein paar provokante Thesen

Ich stelle provokativ in den Raum, dass unsere Bemühungen nicht so viel mit der erwünschten Wirkung zu tun haben!


Ich stelle die These auf, dass sich viele Frauen versuchen schön zu machen, um gesehen und geliebt zu werden.

Ja, viele wollen begehrt werden, doch wieso? Wieso wollen Frauen begehrt werden, wenn sie ihre Sexualität nicht kennen? Wieso "locken" Frauen Männer mit ihren schönen und verführerischen Körpern und Gesichtern an, wenn sie ihren Schoß nicht spüren, sehen, fühlen wollen?


Denn eins ist klar, wenn wir sexuelle Reize aussenden (und dazu gehören unsere Körper), dann bekommen wir auch sexuelle Reaktionen!


Kurzes Resumee und ein Wunsch

Ich persönlich finde es wichtig, dass wir unsere Körper kennen und pflegen. Denn unser Körper ist der Teil von uns, der unseren Geist beherbergt. Er ist unsere Verbindung zur Außenwelt, er ermöglicht uns, alles zu erFassen, erLeben, erSpüren, in Kontakt zu treten und in die Welt zu agieren.


Es ist in meinen Augen sehr wichtig, dass wir uns gut um unseren Körper kümmern, denn er ist das Haus unserer Seele und unserer Psyche. Und wer von uns will schon in einem schäbigen Verschlag wohnen, der immer notdürftig geflickt wird?


Es ist für meine Begriffe jedoch auch wichtig, den eigenen Körper in Gänze zu kennen. Dazu gehört AUCH der Schoß! Auch bei Frauen! Denn, liebe Frauen, die Masken, die wir uns täglich aufsetzen, verschleiert nicht unser Inneres.


Und keine von uns ist eine hübsche Schaufensterpuppe, die nur zum Anschauen und dekorieren auf der Welt ist.


Wir nutzen unseren Körper und wir nutzen JEDES Körperteil, auch unsere Yoni! Deshalb schenkt ihr genauso viel Aufmerksamkeit wie eurem Gesicht! Und schaut sie euch an.


Kümmert euch um euren Körper und macht euch bewusst, wieso ihr euch um das Gesicht und die Zellulite kümmert, um euren Bauch und euren Schoß jedoch nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Egal, welche Gefühle ihr empfindet. Schaut euch auch eure Yonis im Spiegel an. Vielleicht fühlt ihr Scham, vielleicht kommt Ekel hoch. Vielleicht jedoch auch Freude! Macht einfach weiter.


Und wenn es schierig wird, sucht euch Hilfe bei Frauen, die euch an die Hand nehmen, die mit ihrem Körper natürlich umgehen. Schaut euch das Verhalten ab. Gerne helfe auch ich euch dabei.


In diesem Sinne schließe ich den Text mit dem Wunsch, dass wir Menschen (vor allem die Frauen) unsere Körper im Ganzen wieder schätzen und dass wir unsere Körper mit unseren Gefühlen wieder verbinden, um endlich wieder den Weg der Gesundheit und Natürlichkeit zu gehen!


Claudia


Wie gehts dir jetzt nach diesem Text?

Wenn du magst, schreibe mir, kommentiere oder ruf mich an.
Wenn du es nicht mitteilen magst, ist das auch okay. Doch nimm dir die Zeit, auf dich wirken zu lassen, was eben in dir angestoßen wurde.

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Kommentare: 5
  • #1

    Petra N. (Freitag, 10 Oktober 2014 12:58)

    Liebe Claudia,
    ich kann deinen Text nur voll zustimmen. Sehr schön geschrieben!
    Ich kenne beide Seiten. Lange Jahre war die Sexualität für mich auch ein Tabuthema. Zuhause war es überhaupt kein Thema. Mein Selbstwert war in dieser Zeit jenseits von Null (wenn es das gibt). Hatte ich einen Partner und funktionierte es nicht so, wie man sich die intimsten Momente vorstellt (Dank der Medien und den tollsten Erzählungen von Freunden) dann lag das natürlich an mir.
    Diese Zeit ist vorbei und mit stark gestiegenem Selbstwert und einem tollen Mann habe ich meine Neugierde auf MEINE Sexualität entdeckt.
    Den Mann gibt es schon lange nicht mehr in meinem Leben und meine Lust ist mal mehr und mal weniger präsent, aber meine Sexualität ist kein Tabuthema mehr. Gerade für uns Frauen finde finde ich es wichtig unsere Sexualität anzunehmen, unsere Weiblichkeit (zu der aber noch weitaus mehr zählt als Sex) und unsere Sinnlichkeit zu leben! Wie du schon schreibst, Claudia, wir haben oft verlernt unseren GANZEN Körper wahr zu nehmen. Wir existieren oft nur mit dem Kopf.
    Ganz herzliche Grüße in Richtung Süden und mach weiter so!
    Petra

  • #2

    Claudia (Montag, 20 Oktober 2014 21:20)

    Danke, liebe Petra, für deine Erfahrung und deinen Kommentar. Dein Kommentar zeigt, dass es sich lohnt, sich mit dem eigenen Körper zu beschäftigen. Der Körper ist ein wunderschönes Instrument, das wir verlernt haben zu verstehen und zu spielen. Doch es ist lernbar - für jeden und jede!
    Wichtig ist es dabei, wie du schon sagst, wirklich auf SICH zu hören und den Mut zu haben, zu sich zu stehen!

    Herzliche Grüße zu dir!
    Claudia

  • #3

    Sandra (Sonntag, 30 November 2014 02:16)

    Liebe Claudia,

    das ist ein richtig schöner und wichtiger Artikel, vielen Dank dafür! Mir gefällt dein Blog sehr, und er kann mir bestimmt noch zu der einen oder anderen Erkenntnis verhelfen.

    Ich habe bis in meine 30er hinein nicht wirklich viel von den Vorgängen in meinen weiblichen Organen gewusst, hatte auch sehr lange die Pille genommen, wodurch ja einiges auf Autopilot lief oder gar nicht mehr statt fand.

    Als ich meine Sexualität und die Freude daran entdeckte, fand ich es traurig und unverständlich, dass man nicht - nicht mal mit der Schwester, Mutter oder besten Freundin - darüber reden konnte, was man da Unglaubliches, Schönes kennen gelernt hatte. Ich musste es für mich behalten, und das fand ich sehr schade.

    Meine Schwester führt inzwischen hier in Dresden einen regelmäßigen Rotes Zelt-Abend für Frauen durch (www.roteszelt.de), und wir hoffen, dass wir noch sehr viele junge Mädchen und Frauen jeden Alters in die Runde bekommen, damit wir über Frauenthemen offener zu sprechen lernen, einander zuhören, unterstützen und füreinander da sein können. Das ist eine sehr schöne Arbeit, die du und sie und andere Frauen da tun.

    Herzliche Grüße aus Dresden, Sandra

    PS: Mein Beitrag zur Blogparade "Blogger packen aus - meine wichtigste Beziehungserfahrung" kommt übrigens am 4. in meinem Blog.

  • #4

    Claudia (Montag, 15 Dezember 2014 12:55)

    Hallo liebe Sandra,

    danke für deinen Kommentar! Ich freu mich sehr, dass dir mein Blog gefällt.

    Das, was du beschreibst, nämlich den eigenen Körper nicht zu kennen, das geht erstaunlich vielen Frauen so. Danke, dass du das hier teilst.

    Die Sprachlosigkeit über das Thema Sex und Körper hält unsere Gesellschaft immer noch in diesem Tabu-Bereich, den wir so lange schon versuchen aufzubrechen. Ist es doch sehr erstaunlich, dass wir trotz der ganzen medialen Freizügigkeit im Prinzip immer noch keine Sprache für unsere Lust haben. Das kommt jedoch immer mehr. Und deshalb ist es so schön, wenn Frauen wie wir auch öffentlich unsere Erfahrungen teilen!

    Liebe Grüße
    Claudia

  • #5

    Andreas (Mittwoch, 04 März 2015 23:19)

    Hallo Claudia,
    Ich bin der festen Überzeugung das es Jungs und Männern nicht anderst geht.
    Wir Männer reden auch nicht mit unserem besten Freund über unsere intimsten Probleme und mit der Partnerin leider auch nicht. Es gibt da bei beiden Geschlächter unheimlich Bedarf sich auszutauschen. Spätesten wenn Kinder dazukomme ist es mit der Zeit dann auch noch so knapp das alles wenn überhaupt nur noch husch husch funktioniert mit in sich hineinhöhren und auf seine Bedürfnisse oder die des Partners zu höhren ist nicht mehr viel drin.
    Herzliche Grüße
    Andreas