Die Königin und die Quelle

Quelle

Es begab sich zu einer Zeit in einem Land, das traditionell von sehr weisen Königinnen regiert wurde.

Ja, die Königin war von einer unendlichen Weisheit. Sie war auch gut und hatte ein unendlich großes Herz. Sie sorgte und kümmerte sich immer um ihre Untertanen. Sie nährte sie, dass sie nie Hunger leiden mussten, halt ihnen Streitigkeiten weise zu schlichten, beschützte sie vor ungebetenen Eindringlingen.

 

Und sie machte etwas ganz besonderes: Sie achtete peinlich genau darauf, dass jedes Kind in ihrem Reich Bildung, Wissen, Kunst und das Geheimnis der Liebe zuteil wurde und zwar vermittelt von den Frauen und Männern, deren Sommer gezählt waren und der Winter nahte.

Das Königreich blühte und grünte wunderschön.

Die Untertanen liebten ihre Königin, die sich um alle Angelegenheiten von Herzen kümmerte.

 

Im Volke erzählte man sich, dass das Geheimnis dieser Güte und Weisheit daher rührte, dass die Königin jede Nacht an eine Quelle im Burginnersten ging, dort badete, tanzte, sang und sich an ihrem Wasser labte.

 

Da das Königreich seit Jahr und Tag auf solch zauberhafte Weise regiert wurde und eine Königin nach der anderen die Regentschaft auf ihre ganz besondere Art, jedoch mit gleicher Weisheit und Hingabe führte, wusste niemand mehr so genau, ob es sich bei der Erzähung um einen mythos handelte, oder ob die Quelle tatsächlich existierte.

Wie das jedoch oft so ist, änderten sich die Zeiten.

Viele Naturkatastrophen und Kriege beutelten das Land. Die Flüsse trockneten aus und die Felder konnten nicht mehr bewässert werden. So trugen die Felder keine Früchte mehr. Das Land wurde karg und auch die Bevölkerung siechte dahin.

 

Die Königinnen gaben sich den Thron in die Hand, doch keine vermochte das Land zu seinem ehemaligen Glanz zurück zu führen. Auch die Königinnen waren anders von ihrer Art.

 

Die einst herrschende Weisheit war nur selten sichtbar. Die Launen waren unberechenbar und auch der Glanz, den die früheren Regentinnen verbreiteten, war nach kurzer Zeit verschwunden.

So folgte eine Thronfolgerin der anderen.

Die Schönheit des Landes war dahin und auch die Burg ließ an Strahlkraft und Macht deutlich nach.

 

Im Volk verbreiteten sich Geschichten und Märchen aus über einen geheimnisvollen, verborgenen Teil im Inneren der Burg aus, der einen verbotenen Schatz barg. Und die Zeit verging, die Geschichten wurden vielfältiger und immer geheimnisschwangerer.

Nach nahezu unzählbar vielen Jahrzehnten kam eine junge und von wissbegier überlaufende Frau auf den Thron.

Das Volk war demgegenüber gleichgültig. Es hatte die guten, reichen Zeiten nicht mehr erlebt. Daher waren die Geschichten der alten Zeiten ledigich als Zeitvertreib für graue Stunden abgetan.

 

Die junge Königin kannte die Geschichten jedoch und fragte sich, ob da wohl ein wahrer Kern verborgen war.

 

Sie wälzte Bücher, las Geschichten, studierte die Karten und Baupläne der Burg und des Landes. Sie bereiste sogar das ganze Land, um sich persönlich ein Bild zu machen und überall, wo sie erschien, fingen die Menschen an, wieder Hoffnung zu schöpfen. Es war lange her gewesen, dass sich eine Königin persönlich nach ihnen erkundigte. Die Menschen merkten ihre Entschlossenheit, ihr Interesse und die Liebe zu Land und Bewohnern.

Nach den ausgiebigen Erkundungsreisen ließ die Königin das Erlebte ruhen.

Sie hatte sich alte Geschichten von den Menschen überall erzählen lassen. Ja, sie hatte die Hoffnung und die Sehnsucht dieser Menschen gespürt. Und alle, egal welchem Landstrich zugehörig, hatten ihr eine Gechichte von einer Quelle im Burginneren erzählt. Diese hatte sie auch ganz ungenau auf den Plänen verzeichnet gesehen. Doch da viele Geschichten erzählt wurden, die unterschiedliches berichteten, zögerte sie, ob es tatsächlich lohnenswert war, sich auf die Suche nach ihr zu machen.

Die Zeit ging ins Land und die Geschichten ließen die junge Königin nicht mehr los.

Da packte sie die wilde Neugier und fasste sich ein Herz.

 

Noch einmal studierte sie die Burgpläne, erstellte eigenen Skizzen und begann innerhalb der Burg, wo sie die Quelle vermutete, ihre Suche. Tage vergingen und sie wollte schon aufgeben, als sie an einem Ort ankam, der völlig überwuchert und von Geröll verschüttet war.

 

Unsicher studierte sie die Karte in ihrer Hand und kam zu dem Schluss, dass sie am richtigen Ort sein musste. Also machte sie sich entschlossen an die Arbeit, die Quelle zu bergen.

 

Erst begutachtete sie den Haufen. Skeptisch, doch neugierig, begann sie sich heranzutasten. Zuerst entfernte sie das wilde Gestrüpp, sodass die Steine besser zu sehen waren.

 

Täglich kam sie nun mit einer unermüdlichen Ausdauer und einer leidenschaftlichen Hingabe hier her. Mit Hilfsmitteln ausgestattet, trug sie die Steine geduldig einen nach dem anderen ab.

 

Ja, es war viel Arbeit, doch sie freute sich so sehr die Quelle gefunden zu haben, dass sie sich nicht abhalten ließ.

Nach all der Arbeit des Abtragens, sah sie, dass sie mit ihren Hilfsmitteln nun nicht mehr weiterkam.

Deshalb kniete sich die Königin neben die Quelle und begann hingebungsvoll den Schlick und die Erde, die das austretende Quellwasser blockierten, mit ihren bloßen Händen zu entfernen.

 

Es dauerte nur kurze Zeit bis ein kleines Rinnsal zu Tage trat. Die Königin jubilierte, freute sich aus vollem Herzen und nahm den ersten kleinen Schluck des reinen Wassers. Es schmeckte zwar noch etwas erdig, doch die Grundnote des Wassers war so köstlich, dass sie sich von nun an täglich rührend um die Quelle kümmerte.

 

Sie hegte und pflegte sie, erschuf ihr einen Raum, in dem sie sprudeln konnte und durch Licht und schöne Gaben wundervoll zur Geltung kam. Immer wieder räumte sie Steinchen beiseite. Sie trank das Wasser, wusch sich damit, freute sich daran, tanzte und freierte täglich an der Quelle.

So trug es sich zu, dass die Königin diese Freude, Weisheit und Liebe aus ihrer Quelle, auch wieder an die Untertanen weitergab.

Sie kümmerte sich mit voller Kraft um ihr Land, sodass bald die Flüsse wieder flossen, die Felder wieder in vollem Korn standen, der Hunger endete und die Menschen wieder vertrauensvoll und zufrieden miteinander lebten.

 

Auch das Lehrwesen wurde wieder aufgenommen und die Königin sortge dafür, dass das Wissen über die Quelle erhalten blieb, indem sie es weise in sich trug und andere teilhaben ließ. Und obwohl sie das Wissen teilte, blieb der Ort ein geschützter.

 

Und so geriet sie nie wieder in Vergessenheit, die Quelle, aus der Weisheit, Liebe und Leben fließt!

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