Frauenräume

Frauengruppe
Frauengruppe von Dipl. Des. Miriam Paesler

Früher wurde mein Vater häufig bemitleidet, weil er mit vier Frauen zusammen wohnte. Ich selbst wurde immer wieder mit den Worten bedacht: „Oh mein Gott. Das ist bestimmt der reinste Zickenterror.“ Ähnliche Reaktionen und Kommentare erntete ich, wenn ich erzählte, dass ich eine REINE Mädchenschule besuche. Klar, in der Hochphase der Pubertät ist es in einer Mädchenklasse sicher nicht einfach und von Harmonie war bei uns in der Klasse nicht unbedingt die Rede. Und dennoch muss ich sagen, dass mir die Jahre in einem festen Frauengruppen-Gefüge sehr gut taten.

Auch meine engsten Freunde waren und sind bis heute Frauen. Die „Weiberabende“, die wir gemeinsam verbrachten, waren schlicht und ergreifend belebend. So viel lachen, so viel Power, so viel Wärme und Geborgenheit erfahre ich wirklich ausschließlich in solchen Frauenkreisen.

Stress gibt's in jeder Gruppe

Natürlich gibt es auch in diesen Gruppen Spannungen, doch das ist ein ganz normales gruppendynamisches Phänomen. Schließlich befinden sich in Gruppen immer Individuen, deren Interessen und Bedürfnisse nicht immer alle zu jedem Zeitpunkt in die gleiche Richtung gehen. Lediglich die Umgangsweise damit äußert sich in reinen Frauengruppen anders als in gemischten Gruppen.

Was mich dabei bewegt ist, dass die Reaktion auf Frauengruppen, oder wie man sie sonst nennen möchte, häufig einem scharfen Einatmen mit hochgezogener Augenbraue gleicht. Auch wenn ich die Reaktion in manchen Kontexten verstehen kann und zwar dann, wenn Frauen vermeintlich in Konkurrenz stehen, ist mein Erleben und meine Meinung eine völlig andere als diese Reaktion.

Chancen und Möglichkeiten in Frauenräumen

Natürlich habe ich in Frauengruppen Zickereien und Streitereien miterlebt. Doch genau diese Streits innerhalb einer gleichgeschlechtlichen Gruppe, haben mir in vielen Situationen Vorteile gebracht, wenn es um Auseinandersetzungen im Alltag ging. Denn ich konnte meine Kraft und meine Aggression geschützt erproben ohne gesellschaftliches Ansehen zu verlieren, was mir doch häufig wichtig war. Durch diese Räume hatte ich die Chance mich als Persönlichkeit zu entwickeln und entdecken zu dürfen und darf es heute noch. Dafür bin ich unsagbar dankbar.

Es gibt also gute Gründe dafür, dass sich in einigen Gesellschaftsformen Frauen zusammen tun, um eine Gemeinschaft innerhalb der Gesellschaft, in der sie leben, zu bilden.

Lernraum - Gemeinschaftsraum - Entdeckungsraum

Räume, in denen sich Frauen alleine begegnen, bieten so viele Möglichkeiten. In diesen Gruppen lassen sich die Facetten der weiblichen Persönlichkeit leichter entdecken und entfalten. Die gesellschaftlichen Rollenbilder werden schneller aufgeweicht, weil eine wesentliche Komponente unserer Gesellschaft – der Mann – fehlt. Dadurch tritt zu Tage, was in jeder einzelnen Frau schlummert. Anfangs mag es einen verwirrten Moment geben, weil Frau sich auf diese andere Situation einstellen muss, mit der sie nicht täglich konfrontiert ist. Doch mit der Zeit erlebt man sich immer freier und traut sich auszuprobieren.

Ich habe das selbst bewusst erlebt. Dadurch dass nach der Pubertät und der Universität die Wege nicht mehr so synchron zu meinen Freundinnen entwickelte (was eine natürliche Sache ist), fehlte mir genau dieser Frauenraum. Es dauerte eine geraume Zeit bis mir klar wurde, was genau mir fehlte. Als ich dann wieder durch Ausbildungen, Workshops und Kontakte, die sich daraus ergaben, in Frauenkreise kam, fühlte ich mich wieder ein Stück mehr zu Hause.

Ein Geschenk

Es ist für mich immer ein großes Geschenk, damals wie heute, die eigenen Kräfte zu entdecken und die eigenen Schatten liebevoll anzunehmen gestützt durch eine Gruppe von Frauen, die alle das gleiche tun. Die Vertrautheit, Achtsamkeit und die Nähe, die wir austauschen, ist unbezahlbar und nur in geschützten Frauenräumen zu erleben. Die Kraft, die ich und die anderen Frauen daraus in den Alltag nehmen, ist unbezahlbar wertvoll. Das Erleben und die Gefühle, die sich mir in solchen Gruppen eröffnen, kann ich nicht mit Worten ausdrücken. Es ist wunderschön, heilsam, berührend.

Deswegen schenke ich meine Aufmerksamkeit lieber diesen Erlebnissen und schmunzle über die Reaktionen a la Zickenkrieg und Katzenkampf, weil ich weiß, dass schützende, tragende und starke Frauengruppen viel mehr als das zu bieten haben.

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