Menstruation - eine Geschichte, die das Leben schrieb

Menstruation

Heute möchte ich über ein sehr privates Thema schreiben: Die Menstruation bzw. der weibliche Zyklus.

 

Eigentlich ist das kein Thema, das total privat ist. Im Prinzip weiß jeder, worum es sich handelt. Und dennoch ist es sehr privat, weil es immer noch ein Tabu-Thema ist und teilweise sogar als Stigma erlebt und bewertet wird. Und für die Hälfte der Menschheit ist diese Erfahrung nur Second-Hand zu erleben.

 

Mir liegt das Thema sehr am Herzen, denn der Zyklus ist das, was die Frau zur Frau macht. Und er ist das, was uns Frauen von den Männern so extrem unterscheidet und er ist das, was allein wir Frauen empfinden können und erleben können. Und der Zyklus ist ein Geschenk, den viele Frauen nicht als solches zu erfahren wissen. Deshalb der ausführliche, sehr private Artikel mit Erfahrungen und Gefühlen, die ich gerne teilen möchte.


Wieso ein Erlebnisbericht über Menstruation?

Den Anstoß zu diesem Artikel gab mir ein sehr emotionales Gespräch zwischen einem Freund und mir. Wir kamen auf das Thema Menstruation zu sprechen, weil ich meinte, dass ich mehr Spaß beim Sex habe, wenn ich nicht blute. Er meinte daraufhin, dass ja wohl alles mehr Spaß mache, wenn man nicht menstruiere. Und da packte mich der blanke Zorn. Ich glaube, ich war in den letzten 8 Jahren nicht so wütend wie nach diesem Satz. Der arme Mann hat das dann auch ungefiltert abbekommen, weil ich mich weder bremsen noch zügeln konnte und wollte.


WTF??? Wut - Schmerz - Traurigkeit

Wie konnte es sich ein MANN bitteschön herausnehmen zu bewerten wie ICH mich als FRAU fühle, wenn ich blute? Wie kann ein MANN es wagen nur IRGENDETWAS Wertendes darüber zu sagen?

 

Ich habe mich so unglaublich verletzt, traurig und wütend gefühlt, weil es für mich ein echter Angriff auf meine Weiblichkeit war. Ich habe mich so unverstanden gefühlt. So ungesehen.

 

Natürlich hab ich ihm das Futter dazu gegeben und er wollte nur empathisch sein, das ging jedoch völlig nach hinten los :-D

 

Ich glaube jedoch, ich hab mich selten so in Gegenwart einer anderen Person mit meiner Weiblichkeit verbunden gefühlt wie in diesem Gespräch. Es ist unglaublich schwierig zu beschreiben, was sich alles in mir gleichzeitig bewegte.

 

Da war die Wut darüber, dass ein Mann über meine weibliche Befindlichkeit urteilte, die er niemals in seinem Leben selbst erfahren würde.

 

Da war die Traurigkeit darüber, dass weder Männer noch Frauen emotional wissen, welches Geschenk sich dahinter verbirgt.

 

Da waren die Verletzungen an der gesamten Weiblichkeit.

 

Da war die Empfindung der Identifizierung mit der weiblichen, zyklischen Natur.

 

Da war der tiefe Schmerz darüber als ganze Frau MIT ihrem Zyklus nicht gesehen, geschätzt und angenommen zu sein. Der Schmerz darüber, nicht in unser Gesellschaftskonstrukt zu passen.

 

Die brennende Wut und Traurigkeit darüber, dass ich bis vor wenigen Jahren selbst nicht anders darüber gedacht habe.


Mehr als nur das...

Das Gespräch hat mich so richtig durchgerüttelt. In meinen ganzen Ausbildungen habe ich immer und immer wieder gehört, dass man den Schmerz durchleben muss, um das Leid zu beenden. Ich hab das doch durchaus immer verstanden. Und es gab viele Schmerzpunkte in meinem Leben, die ich im Laufe der Selbsterfahrungen abgearbeitet habe. Doch dieses Gespräch brachte einen Urschmerz in mir zu Tage, den ich bis dahin nicht bewusst kannte.

 

Es ging um die Verletzung und Missachtung der weiblichen Natur, die sowohl Männer als auch Frauen seit Jahrhunderten kultivieren.

 

 

Meine erste Periode

Welches Mädchen hat heutzutage schon das Glück ihre Menarche (erste Periode) als Fest zu empfangen?

 

Ich gehörte nicht dazu. Es war eher ein herber Schlag ins Gesicht. Als ich meine Periode bekam, war es morgens als ich mich für die Schule zurecht machte. Als ich das Blut sah, brach ich in herzzerreißendes Weinen aus und meine Mutter konnte mich kaum trösten. Sie versuchte es, indem sie mir sagte, dass das ein ganz normaler Prozess sei. Und bei aller Logik - zu der ich durchaus im Stande bin - war das kein Trost.

 

Im Gegenteil: Ich hab mich völlig ausgeliefert gefühlt. Meine Welt hatte sich von jetzt auf gleich verändert und ich schämte mich dafür zu bluten. Für mich war damit damals mein unbeschwertes Mädchen-Dasein zu Ende. Ich fühlte mich so, als würde jetzt die Bürde des Frau-Seins auf meinen Schultern lasten. Ich hatte damals wahrlich kein positives Weiblichkeitsbild.

 

Dazu kam es, dass ich eine der ersten in meiner Klasse war, die ihre Menstruation hatten und ich wollte um keinen Preis, dass es irgendjemand mitbekam.

 

Klar, ich war aufgeklärt und wusste, dass das ein ganz natürlicher Vorgang war, aber was es BEDEUTET eine Frau zu sein, zu bluten, das wurde mir niemals erklärt.

 

Das Drama in 5 Akten - oder "Ich hasse es zu bluten"

Irgendwann war es halt normal und ich hoffte, dass die Zeit des Blutes schnell vorüber ging. Nahezu jede Frau in meiner Klasse (und es waren viele, da ich auf einer Mädchenschule war) litt zu der Zeit unter Menstruationsbeschwerden.

 

Der einzige Trost, der uns immer gegeben wurde war: „Wenn ihr mal das erste Kind zur Welt gebracht habt, wird es besser.“ Das war für mich aber überhaupt kein Trost. Zum einen ist es mir als 12-jährige herzlich egal gewesen, ob und wann ich jemals ein Kind bekommen würde.

Außerdem litt ich unter so schlimmen Regelschmerzen, dass ich an mindestens einem Tag meiner Periode nicht aufstehen konnte, weil die Schmerzen sich bis in meine Beine zogen.

 

Ich habe es GEHASST zu bluten.

 

Ich habe mir ausgerechnet, wie oft ich noch bluten müsse und hab Strichlisten begonnen, auf denen ich jedes Mal einen Strich rot anmalte, wenn es vorbei war. Die einzigen Dinge, die es mir erleichterten, waren Wärmflaschen und Buscopan – ein heftiges Mittel gegen Krämpfe, das ich einmal gegen heftige Magen-Darm-Krämpfe nehmen musste (im Übrigen geht das 60% aller Frauen so).

 

Die Pille als Lösung?!?

Dann wurde mir nach fünf Jahren des Leidens die Pille verschrieben, die ich eher mit gemischten Gefühlen nahm, weil ich dieses Medikament als widernatürlich empfand. Dennoch half es mir teilweise besser mit den Schmerzen zurecht zu kommen. Teilweise. Doch ich zahlte den Preis, dass ich den Kontakt zu meinem Körper betäubte. Ich hatte Glück, dass ich dennoch ein Gefühl für meinen Körper behielt, obwohl es sich sehr taub anfühlte.

 

Irgendwann hatte ich trotz der Pillenpause, die einmal im Monat für eine Woche anstand, keine Periode mehr. Und obwohl ich mich auf einer oberflächlichen Ebene darüber freute, weil ich mich sehr frei fühlte, war es mir ungeheuer, sodass ich meine Frauenärztin bat, mir eine andere Pille zu verschreiben. Die fragte mich allen Ernstes, ob es mir denn wichtig sei meine Periode zu haben. Sie äußerte das in einem Ton, dass es mir peinlich war auf die Frage mit „ja“ zu antworten. Deshalb brachte ich noch ein klägliches „es ist mir angenehmer“ raus. Im Nachhinein denke ich mir, dass es wirklich traurig ist, dass manche weiblichen Gynäkologinnen so ein abgebrühtes Verhältnis zum Frauenkörper und damit auch zu ihrem eigenen haben.

 

Nachdem ich dann jedoch die Pille öfter gewechselt hatte und ständig andere Nebenwirkungen auftraten, entschied ich mich, auf sie zu verzichten. Und das nach 10 Jahren unter Dauermedikation.

 

Ganz ehrlich: mir war Angst und Bange vor den zurückkehrenden Schmerzen. Ich hatte jedoch keine Angst davor, dass mein Zyklus darunter gelitten hätte. Denn ich hatte von der ersten Periode an einen Zyklus, nach dem ich die Uhr hätte stellen können.

 

Tja… da wurde ich von meinem Körper eines besseren belehrt. Denn mein Zyklus war keiner mehr. Ich hatte zwar keine Schmerzen mehr bei der Menstruation, aber einen Zyklus hatte ich auch nicht.

 

Mein Weg zur Lösung

Ich hatte begonnen meinen Körper anhand des NFP-Sensiplans zu beobachten. Kein Eisprung, keine Menstruation. Oder Menstruation ohne Eisprung oder oder oder.  Ich fühlte mich wahrlich defekt, weil mein Körper nicht „funktionierte“.

 

Ich spürte in meine Gebärmutter, ich spürte in meine Eierstöcke und ich spürte in meinen gesamten Unterleib: Mein Körper (und meine Weiblichkeit) waren sehr verletzt, traurig und wütend.

 

Deshalb begab ich mich in einen inneren Prozess. Ich baute eine Beziehung zu meinen eigenen Geschlechtsorganen auf. Ich begann ihre „Psyche“ zu verstehen und zu erfühlen. Ich veränderte meine Lebensumstände. Ich veränderte meine Denkweise über mich, über meinen Körper, über meinen Zyklus.

 

Ich verstand mich immer besser. Es war keineswegs leicht, denn es war ein Weg, den ich alleine ging. Lediglich gute Bücher und meine innere Stimme, die mich antrieb die Ursache zu beheben und nicht die Lösungen der Ärzte und der vermeintlichen Weisheiten anderer abgestumpfter Frauen zu vertrauen, leiteten mich dabei an.

 

Und nein, der Prozess ist nicht abgeschlossen. Er wird es wohl auch nie sein, weil ich begriffen habe, dass mein Körper nie ein fertiges Produkt ist, das irgendwann einen Endzustand erreicht solange er lebt. Aber mittlerweile kenne ich meinen Körper gut. Ich verstehe den Zusammenhang zwischen meinem Zyklus und meiner Stimmung und meinem Aktivitätsniveau. Ich achte mehr auf die Signale meines Körpers. Ich habe kaum Regelbeschwerden. Und die Beschwerden, die ich habe, heile ich mit mehr Achtsamkeit und Einfühlsamkeit für mich.

 

Zu guter letzt: Es lohnt sich!

Mein Zyklus ist wieder im Einklang mit der Natur und dem Mondzyklus. Und wenn es mal nicht so ist, ist das keine Überraschung, sondern ein Resultat aus meiner Lebenssituation. Mein Zyklus ist eine Freundin und das beste Bio-Feedback, das ich habe.

 

Ich möchte allen Frauen, denen es so geht wie es mir ging, Mut zusprechen. Es geht anders. Es geht ohne Schmerzmittel. Und es geht sich anzunehmen. Ihr könnt das auf eure Art machen. Ihr könnt es mit Büchern machen. Wenn ihr es nicht allein machen möchtet, helfe ich euch gerne dabei.

 

Für alle Männer, die diesen Artikel gelesen haben: Frauen sind nicht „defekt“, wenn sie bluten. Im Gegenteil: Unser Körper und unser Zyklus sind Spiegel unseres Lebenswandels und unserer Psyche. Auch wenn wir uns nicht gut fühlen oder uns zurück ziehen möchten, wenn wir bluten, sind wir nicht krank. Wir brauchen lediglich Achtsamkeit und Einfühlsamkeit, Ruhe und das Wissen, dass wir geliebt werden und auch unsere Blutung da sein darf.

 

 

Fühlt euch herzlich gedrückt

Claudia

 

 

Du brauchst Hilfe dabei, Deinen Körper zu verstehen?

Dann schreib mir eine Email und schildere mir Deine Situation. 

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Kommentare: 8
  • #1

    Kerstin Trixl (Donnerstag, 27 März 2014 08:17)

    Liebe Claudia,
    da stecken viele kollektive Erfahrungen drin, wir brauchen dringend wieder ein Bewusstsein für Weiblichkeit und ihre zyklische Natur. Danke, dass du dich dafür stark machst.
    Kerstin

  • #2

    Claudia (Donnerstag, 27 März 2014)

    Liebe Kerstin,
    danke für deinen lieben Kommentar. Und ja, unser kollektives Erbe steckt uns noch tief in den Knochen (oder wo auch sonst immer). Ich wünsch mir, dass wir (alle, die jetzt sind und noch kommen) das verändern können.
    Claudia

  • #3

    Uta (Freitag, 28 März 2014 19:42)

    Danke Claudia für diesen Bericht. Ich hatte mir übrigens vorgenommen, dass ich mit meiner Tochter ein kleines Fest feiern würde, wenn sie zum ersten Mal blutet. Sie fand das ganz schrecklich und wollte ea auf keinen Fall. Ja, auch unter den jungen Mädchen heute ist noch so viel Verschwiegenheit zu diesem Thema.

  • #4

    Claudia (Freitag, 28 März 2014 23:08)

    Ja, liebe Uta. Ich find es schön, dass du es ihr angeboten hast. Die Phase um die Menarche ist sowieso eine heikle Zeit: Die Mädchen sind in der Pubertät, die Clique ist wesentlich maßgebender als die Eltern und die Hormone sind am Schießen und Spriesen. Und wenn in der Clique nicht so offen damit umgegangen wird, weil die Mütter der anderen Mädchen einfach auch in den alten Mustern stecken, ist es für dich schwerer die neue Tradition einfließen zu lassen. Wichtig ist, dass sie von dir beobachtend lernen kann, wie DU, liebe Uta, mit deiner Periode und deinem Zyklus umgehst. Dadurch bekommt sie sehr viel mit. Und wenn dann mal die Zeit des "Mama-ist-so-peinlich" vorbei ist, sitzen vielleicht die ganzen Mädels bei dir zu Hause und unterhalten sich mit dir darüber.

  • #5

    Anne Zietmann (Freitag, 03 Oktober 2014 11:17)

    Liebe Claudia,
    wahnsinnig toller Bericht, den du hiermit der Öffentlichkeit zur Verfügung stellst. Vielen herzlichen Dank dafür!!! :)
    Ich bin selbst Bloggerin, Sensiplan-Beraterin und MFM Referentin und gebe MFM(MyFertilityMatters)-Workshops für Mädchen, zum Thema Zyklus und erste Blutung.

    Vielleicht wäre so ein MFM-Workshop für deine Tochter noch etwas, Uta?

  • #6

    Claudia (Dienstag, 07 Oktober 2014 10:46)

    Danke, liebe Anne,
    deine Arbeit ist sehr wichtig! Ich höre noch von ganz vielen Frauen, dass das Thema nicht natürlich behandelt wird. Ich habe erst gestern mit einer Lehrerin gesprochen, die im Moment Sexualkunde bei 9. Klässlern unterrichtet. Die Situation ist haarsträubend! Da gibt es noch viel zu tun für uns.

    Alles Liebe
    Claudia

  • #7

    Madame Flamusse (Samstag, 27 Juni 2015 15:55)

    Hallo, eines meiner Lieblingsthemen und ich habe auch viele ähnliche Erfahrungen gemacht. z.B. mit der Pille. Nach einem Endometriosefund wurde ich operiert und mir wurde Angst gemacht und die Pille sozusagen wieder Zwangsverordnet...es war furchtbar, aber nach 2 jahren war mir das dann so egal mit der Endometriose bzw glaubte ich der Schulmedizin einfach nicht mehr, so das ich Sie wieder absetzte und sehr happy damit bin. ich finde auch das es sehr betäubend ist. Und die FA redete auch mit mir so das ich doch Dankbar sein solle meine Tage nicht mehr zu haben.

    Ich denke das meisten was WIr heute "wissen" (scheinen) ist stark Gesellschaftlich geprägt und entspricht keiner natürlichen oder Urwahrheit. ich finde es auch nicht so einfach da ran zu kommen wirklich rein zu spüren, es ist ein Weg den es sich aber zu gehen lohnt. ich liebe das Buch " Die Weiße Wunde Menstruation" das hat mir echt nochmal die Augen geöffnet. Und übrigens ist der sexuelle monatliche Höhepunkt der Frau kurz vor und während der Blutung - kenne das auch aus eigener Erfahrung habe mir aber erst nach dem Buch selber geglaubt.
    In meinem Umfeld nehm ich auch imerm wieder war was für ein tabu das Thema ist, und wieviele Frauen sich mit Schmerzmitteln und Pille zuballern, echt erschreckend. ich gönne mir seit einiger Zeit min 2 Tage Ruhe, und das tut mir sehr gut. Alles Liebe <3

  • #8

    Claudia (Montag, 29 Juni 2015 09:43)

    Hallo Madame Flamusse,

    danke für Deine offenen Worte! Die zwei Tage Ruhe sind tatsächlich auch für mich immer Balsam für die Seele und den Körper. Und wenns mal doch nicht geht, hole ich mir viele Kuscheleinheiten, die Stille transportieren.

    Liebe Grüße und bleib auf dem Weg!
    Claudia